kapitel2

 


Kapitel 2: Was man gesagt hat, gilt!

 

Das Gewitter tobte immer noch über Sarahs Elternhaus. Regen peitschte die Blätter an den Zweigen, jedem Blitz folgte wilder Donner.

Sarah lauschte- auf eine unnatürliche Stille im Raum. Tobys Gebrüll war verstummt - so plötzlich, dass es ihr Angst einjagte. Sie schaute durch die Kinderzimmertür. Die Nachttischlampe war erloschen. "Toby?", rief sie. Er gab keinen Laut von sich. Beunruhigt drückte sie auf den Lichtschalter neben der Tür. Nichts geschah. Sie versuchte noch ein paarmal, die Lampe anzuknipsen - ohne Erfolg. Ein Bodenbrett knarrte. "Toby? Warum weinst du nicht mehr?"

Nervös betrat sie das stille Zimmer. Die Lampe, die über dem Treppenabsatz hing, schien durch die Tür hinein und warf fremdartige Schatten an die Wände und auf den Teppich. Im Schweigen zwischen zwei Donnerschlägen glaubte sie, ein Summen in der Luft zu hören. Im Bettchen rührte sich nichts.

"Toby", flüsterte sie voller Angst und ging mit angehaltenem Atem zum Bett hinüber. Ihre Hände zitterten wie Espenlaub. Sie griff nach der Decke, um sie hochzuziehen, dann zuckte sie zurück.

Das Tuch erschreckte sie. Unheimliche Gebilde regten sich darunter, und sie sah, wie Dinge unter dem Rand der Decke hervorschnellten - Dinge, die nicht zu Toby gehörten. Ihr Herz begann wie rasend zu klopfen, und sie presste ihre Hand auf den Mund, um einen Schrei zu unterdrücken.

Dann sank die Decke langsam auf die Matratze zurück und blieb reglos liegen. Sarah konnte sich nicht abwenden, davonlaufen und Toby verlassen. Sie musste es wissen. Mochte es auch noch so grausig sein - sie musste es wissen. Impulsiv streckte sie eine Hand aus und hob die Decke.

Das Bett war leer.

Für einen Augenblick oder eine Stunde - sie würde niemals erfahren wie lange - starrte sie auf das leere Laken. Sie fürchtete sich nicht einmal. Ihr Gehirn weigerte sich zu funktionieren.

Und dann wurde sie von einem leisen Pochen an der Fensterscheibe aus ihrer Erstarrung gerissen. Da konnte sie wieder Furcht empfinden und ballte die Hände so fest, dass sich die Fingernägel schmerzhaft ins Fleisch gruben. Eine weisse Eule schlug beharrlich gegen das Glas. Sarah sah, wie sich das Licht von der Treppenlampe in grossen, runden, dunklen Augen spiegelte, die sie unverwandt beobachteten. Bläuliche Blitze erhellten das weisse Gefieder. Hinter Sarah hob ein Kobold den Kopf und duckte sich wieder.

Ein anderer folgte diesem Beispiel. Sie bemerkte die Beiden nicht. Die Eulenaugen hielten ihren Blick fest.
Wieder knisterten und funkelten Blitze, und diesmal lenkten sie ihre Aufmerksamkeit vom Fenster ab, indem sie die Uhr auf dem Kaminsims beschienen. Sarah stellte fest, dass die Zeiger auf die Zahl Dreizehn wiesen. Geistensabwesend starrte sie das Zifferblatt an, dann spürte sie, wie etwas an ihre Waden stiess. Sie schaute nach unten. Das Kinderbett glitt auf schuppigen Eidechsenfüssen über den Teppich, auf Füssen, denen Krallen statt Zehen wuchsen, und an jeder Ecke des Bettchens befand sich ein Bein.

Sarah bewegte die Lippen, aber kein Laut kam aus ihrer Kehle. Hinter ihr klang ein Kichern auf. Sie fuhr herum und sah, wie irgend etwas hinter die Kommode huschte. Schatten eilten über die Wände. Kobolde hüpften und tanzten hinter ihr. Sarah beobachtete die Kommode, die wie das Bettchen Krallenfüsse an allen Ecken hatte und umhersprang.

Sie wirbelte mit geballten Händen herum und sah die Kobolde umhertollen. Sie verbargen sich in den Schatten, um ihren Blicken zu entrinnen. Verzweifelt schaute sie nach einem Gegenstand, den sie als Waffe benutzen könnte. In einer Ecke des Kinderzimmers lehnte ein alter Besen. Sie griff danach und hob ihn hoch, um die Kobolde zu bedrohen. "Geht weg, geht weg!", wimmerte sie und versuchte sie davonzufegen, aber der Besenstiel drehte sich in den Händen und entglitt ihr.

Der kreischende Wind strebte einem wilden Höhepunkt entgegen. Blitze tauchten das Zimmer in taghelles Licht.

Plötzlich begannen furchtsame Gesichter hinter Schranktüren, in Schubladen oder Bodenritzen zu verschwinden. Und während der Donner krachte und der Sturm die Vorhänge schüttelte, öffnete ein Windstoss das Fenster.

Zwischen flatternden Gardinen flog die weisse Eule herein. Sarah schlug die Hände vors Gesicht und schrie auf, voller Angst, die Eulenschwingen könnten sie treffen. Sie glaubte sterben zu müssen, wenn das geschen würde.

Der Wind riss an ihren Haaren, aber die Flügelschläge waren nicht mehr zu hören! Sie spähte  zwischen den Fingern hindurch, um zu sehen, wo sich der Vogel niedergelassen hatte.  Vielleicht war er wieder hinausgeflogen.

Ein greller, lang anhaltender Blitz warf einen gigantischen Schatten auf die Wand gegenüber dem Fenster. Es war der Schatten einer menschlichen Gestalt. Sarah wandte sich atemlos zum Fenster. Die Silhouette eines Mannes zeichnete sich vor dem Gewitterhimmel ab. Er hatte schulterlanges, blondes Haar. Irgend etwas glitzete an seinem Hals. Mehr konnte sie im schwachen Licht nicht sehen.

"Eh...", begann sie und räusperte sich. " Wer sind Sie?"
 
"Weisst du das nicht?" Die Stimme des Mannes klang ruhig, fast freundlich.

Blitze folgten den Adern des Himmels und erhellten das Gesicht des Eindringlins. Er lächelte nicht, so wie man lächeln müsste, um jemanden zu begrüssen, der einem unbekannt war. Aber seine Miene erschien ihr keineswegs böse. Seine Augen fixierten sie mit zwingender Intensität.

Als er im Lichtschein, der vom Flur hereinfiel, einen Schritt in ihre Richtung machte, wich sie nicht zurück. Falls seine Augen sie nicht hypnotisiert hatten, so erzielte die goldene Kette an seinem Hals diese Wirkung. Ein sichelförmiges Schmuckstück hing über seiner Brust. Sein cremefarbenes Hemd stand offen, hatte weite Ärmel und seidene Maschetten. Darüber trug er eine knappe schwarze Weste. Die enge graue Hose steckte in schwarzen Stiefeln, schwarze Handschuhe verbargen die Hände.  In der einen hiel er den juwelenbesetzten Knauf eines seltsamen Stabs, dessen Ende wie ein Fischschwanz geformt war.

"Ich...", antwortete Sarah. "Ich..."

Das Summen, das sie vorhin zu hören geglaubt hatte, durchdrang nun deutlich die Luft und klang wie Musik. Der Fremde lächelte über ihr Zögern. Er sah sehr gut aus. Das hatte sie nicht erwartet. Als sie weitersprach, war ihre Stimme nur ein Flüstern.

"Sie - sind es, nicht wahr? Sie sind der König der Kobolde."

Er verneigte sich. "Ich heisse Jareth."

Sarah widerstand dem lächerlichen Impuls zu knicksen.

"Nun habe ich dich gerettet", fuhr er fort, "und dich von jenen Banden erlöst, die dir so schrecklich waren. Du bist frei, Sarah."
"O nein, ich will nicht frei sein", entgegnete sie, "ich meine - das will ich schon, aber ich möchte meinen Bruder zurückhaben. Bitte!" Sie schenkte ihm ein zaghaftes Lächeln. "Wenn es Ihnen nichts aus macht..."

Jareth faltete die Hände über dem Knauf seines Stabs. "Was man gesagt hat, gilt."
"Aber ich habe es nicht so gemeint", wandte Sarah hastig ein.

"Wirklich nicht?" "Oh, bitte. Wo ist er?"
Jareth lachte leise. "Das weisst du sehr gut." "Bitte bringen Sie ihn zurück, bitte!" Sie hörte, wie schwach ihre Stimme klang. "Bitte!"

"Sarah..." Jareth runzelte die Stirn und schüttelte den Kopf. Nun drückte sein Gesicht tiefe Sorge um sie aus. "Geh wieder in dein Zimmer, lies deine Bücher, zieh deine Kostüme an. Das ist dein wahres Leben. Vergiss das Baby."

"Nein, das kann ich nicht."

Eine Zeit lang musterten sie sich - Gegner, die einander  zu Beginn eines langwierigen Kampfes abzuschätzen versuchten. Donnerschläge grollten.
Dann hob Jareth den linken Arm und machte eine weitausholende Geste. Sarah schaute sich um, in der Annahme, dass er Hilfe herbeirief. Als sie ihn wieder ansah, lag ein glühender Kristall in seiner Hand. "Ich habe dir ein Geschenk mitgebracht, Sarah", sagte er und hielt ihr das Juwel hin. Sie zögerte, denn sie misstraute ihm. "Was ist das?"

"Ein Kristall. Wenn du hineinschaust, wird er dir deine Träume zeigen."

Unwillkürlich öffnete sie die lippen. Mit einem aufreizendem Lächeln beobachtete er ihr Gesicht, während er den funkelnden Kristall zwischen den Fingern kreisen liess. Ihr Hand begann sich danach auszustrecken. Jareths Lächeln vertiefte sich, und er entfernte den Kristall aus ihrer Reichweite.  Den erhobenen Stock in der anderen Hand, erklärte er: "Aber das ist kein Geschenk für ein gewöhnliches Mädchen, das sich um ein schreiendes Baby sorgt." Seine Stimme klang nun leise und ein wenig rauh. "Möchtest du den Kristall, Sarah", fragte er und hielt ihr die glitzernde Kugel wieder hin.

Diesmal rührte sie sich nicht, und sie gab auch keine Antwort. Die glitzernden Lichter des Kristalls fesselten ihren Blick. Ihre eigenen Träume zu sehen - was würde sie dafür geben?

"Vergiss das Kind", rief Jareth.

Während Sarah immer noch zögerte, beleuchtete ein weiterer Blitz den Himmel hinter dem Koboldkönig. Donner rollte duch die Wolken. Sie fühlte sich hin und her gerissen. Das Geschenk war nicht nur verführerisch, es stammte auch noch von jemandem, der sie verstand, der die Geheimnisse ihrer Phantasie ernst nahm und wusste, wie viel sie ihr bedeuteten - mehr als alles andere. Als Gegenleistung musste sie nur die Verantwortung für ein lästiges, verzogenes Kind abschütteln, das endlose Forderungen an sie stellte und sich niemals dankbar zeigte - ein Kind, das zudem nur ihr Halbbruder war. Der Kristall drehte sich schimmern.

Sarah zwang sich, die Augen zu schliessen. Hinter den gesenkten Lidern hörte sie eine Stimme antworten. Es war ihre eigene Stimme, glich aber einer Erinnerung. "Ich - ich kann es nicht. Wenn ich auch zu schätzen weiss, was Sie für mich tun wollen - ich möchte meinen kleinen Bruder wiederhaben. Sicher fürchtet er sich..."

Sie schlug die Augen wieder auf. Jareth seufzte und warf seine blonde Mähne in den Nacken. Nun hatte er die Geduld mit demMädchen verloren. Mit einer ruckartigen Handbewegung liess er den Kristall verlöschen, mit einer weiteren Geste plückte er eine lebendige Schlange aus der Luft. Mit ausgestrecktem Arm hielt er sie von sich, so dass sie sich dicht vor Sarahs Gesicht wand und laut zischte. Dann warf er das Tier zu ihr hinüber. "Fordere mich nicht heraus!" warnte er.

Die Schlange umschloss ihren Hals. Verzweifelt zerrte sie daran und spürte, dass es nur ein Seideschal war. Sie zog ihn herunter, starrte ihn an, und da schnellte die Schlange aus dem Tuch. Schreiend liess sie es fallen und sprang davon. Als die Schlange den Boden berührte, zerbrach sie in mehrere Stücke, in grausige, hässliche kleine Kobolde, die kichernd in die Zimmerecken rannten. Andere krochen aus den Schatten, hüpften aus ihren Schlumpfwinkeln und postierten sich, mittlerweile kühn geworden, überall im Raum, um zu beobachten, was ihr König nun tun würde.

"Du bist keine Gegnerin für mich, Sarah", stiess Jareth ärgerlich hervor. "Lass das Kind in Ruhe und nimm mein Geschenk. Ich werde es dir nicht kein Zweites Mal anbieten." Bevor er den Kristall wieder hervorzaubern konnte, erwiederte Sarah: "Nein." Nach einer kurzen Pause fuhr sie fort: "Trotz allem danke ich Ihnen - aber ich kann unmöglich tun, was sie von mir verlangen. Verstehen Sie das nicht? Ich muss meinen Bruder wiederhaben. "

"Du wirst ihn niemals finden." "Ah...", Sarah holte tief Atem. "Dann - gibt es also einen Ort, wo er festgehalten wird. Und dort will ich ihn suchen."

Nur für eine knappe Sekunde zuckte es in Jareths Gesicht. Sarah entdeckte ein vages ängstliches Flackern in seinen Augen. Oder täuschte sie sich? Seine Nasenflügel bebten, er umklammerte seinenStab mit fester Hand und schien zu zaudern, bevor er antwortete.

Sie glaubte es noch immer nicht - aber allein schon die Hoffnung, der Koboldkönig könnte sich vor ihr geführchtet haben, wenn auch nur vorübergehend, ermutigte sie. "Ja", bestätigte er, " es gibt einen Ort." Und nun wies er mit einer eindeutig manierierten Gebärde, die einem Vaudeville zu entstammen schien, zum Fenster. "Dort!"

Blitz und Donner, wie auf ein Stichwort, dachte Sarah. Sie ging an ihm vorbei und starrte in die Nacht. Auf einem fernen Berg, vom Gewitter in strahlendes, bläulichtes Licht getaucht, sah sie ein Schloss. Sie stützte sich auf das Fensterbrett und versuchte alle Einzelheiten auszumachen. Da waren Türme und Türmchen, massive Mauern, ein Fallgatter und die Zugbrücke. Das Gebäude erhob sich über einem Steilhang, umgeben von Blitzen, die sich wie Schlangenzngen spalteten. Auf der anderen Seite des Berges lag Schwärze. Hinter Sarah Schulter murmelte Jareth: "Möchtest du ihn immer noch suchen?"

"Ja." Sie schluckte. "Ist das..." Sie erinnerte sich an die Worte. "Das Schloss jenseits der Koboldstadt?" Jareth antwortete nicht sofort, und sie drehte sich zu ihm um. Er war immer noch da und beobachtete sie aufmerksam. Aber sie hatten das Haus verlassen und standen sich auf einem Gipfel gegenüber, wo ein heftiger Wind tobte. Zwischen ihnen und dem Schloss lag ein breites Tal. Im Dunkel konnte Sarah nicht erkennen, wie es da unten aussah.

Sie wandte sich wieder ab. Der Wind blies ihr das Haar übers Gesicht, und sie strich es beiseite, als sie voller Angst einen Schritt in die Richtung des Hangs machte. Hinter ihr ertönte Jareths Stimme. "Kehr um, Sarah. Kehr um bevor es zu spät ist. "

"Ich kann es nicht - oh, ich kann es nicht. Das müssen Sie doch begreifen." langsam schüttelte sie den Kopf und starrte auf das geisterhafte Schloss. Und dann sagte sie noch einmal -  ganz leise und mehr zu sich selbst: "Ich kann es nicht."

"Wie schade!" erwiderte Jareth so sanft, als würde er sie aufrichtig bedauern. Sie schaute immer noch zu seinem Schloss hinüber. Es erschien ihr sehr weit entfernt, aber nicht unerreichbar. Alles hing davon ab, was ihr im Tal begegnen würde, wie  einfach oder schwierig es zu durchqueren war.

Herrschte da unten unten ewige Finsternis? "Der Weg ist nicht allzuweit", sagte sie und hörte ihrer eigenen Stimme an, wie sehr sie sich um Tapferkeit bemühte. Jareth tauchte neben ihrem Ellbogen auf. Mit einem eisigen Lächeln blickte er auf sie herab. "Es ist weiter, als du denkst." Er zeigte auf einen Baum und fügte hinzu: "Und die Zeit ist kürzer."

Sarah entdeckte eine antike Uhr zwischen den Blättern, die anscheinen aus einem Zweig gewachsen war, und sah dreizehn Zahlen auf dem Zifferblatt, so wie im Widerschein der Blitze auf der Uhr , die im Kinderzimmer stand.

"Du hast dreizehn Stunden Zeit, um das Labyrinth zu enträtsel", erklärte Jareth, "bevor dein kleiner Bruder zu uns gehören wird".

"Zu euch?"

Jareth nickte. "Für alle Zeiten." Ein magisches Summen erfüllte immer noch die Lift. Sarah stand unbewegt da. Nur ihr Haar flatterte im Wind, als sie über das Tal hinweg zum Schloss blickte. Nach einer Weile bat sie: "Sagen Sie mir, wo ich aufbrechen soll."

Sie wartete auf eine Antwort, und schliesslich hörte sie ihn wiederholen. "Wie schade!" Sarah wandte den Kopf, um ihn anzusehen, aber er war verschwunden, und sie stand allein in der Nacht, auf einem unbekannten Gipfel, vom Sturm umweht.

Während sie das Schloss erneut betrachtete, erstarb das Unwetter, Wolkenfetzen streiften den Mond. Sie glaubte die Umrisse einer Eule zu erkennen, die hoch über ihr davonflog, mit weit ausgebreiteten Schwingen.

Sie machte noch einen Schritt, spürte aber keinen Boden mehr unter ihrem Fuss und stauchelte.

 

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