kapitel3

 


Kapitel 3: Am Tor der Kobolde

Sarah stolperte in die Dunkelheit hinab. Indem sie mit den Armen ruderte, gelang es ihr einigermassen, ihr Gleichgewicht zu halten. Der Hang war unglaublich steil.

Sie stand Todesängste aus, und ihr Mund war staubtrocken geworden. Vorsichtig liess sie sich nieder. Nun war sie der unmittelbaren Gefahr entronnen, doch sie konnte sich nicht erlauben, hier sitzenzubleiben, da sie nur dreizehn Stunden Zeit hatte, um das Labyrinth zu durchqueren und Toby im Schloss aufzuspüren.

Entschlossen hinabzurutschen, doch das klappte nicht. Felsspitzen und Sträucher behinderten sie, und sie wagte nicht, aufzustehen und drumheruntem zu gehen. Es war so finster, dass sie sich durch ein Tintenmeer zu kämpfen glaubte. Tränen brannten in ihren Augen, aber sie unterdrückte das Schluchzen, das in ihrer Kehle auf stieg. Sie würde es schaffen. Es gab nichts, wozu sie unfähig war. Erstens konnte sie auf ihre Willenskraft bauen (die sie zweifellos besass) und zweitens auf ihre Erfindungsgabe (die ihr stets geholfen hatte, wenn auch zugegebenermassen in etwas simpleren Notlagen). Und vielleicht hatte sie auch ein bisschen Glück (was sie ganz bestimmt verdiente, oder nicht?) Ja, ich werde es schaffen, gelobte sie sich, während sie auf dem dunklen Hang sass, ohne zu wissen, wie sie das Tal erreichen sollte.

Hoch über ihrem Kopf, wo die Eule geflogen war, hörte sie eine Lerche singen. Sie schaute nach oben, und als sie den Blick von der schwarzen Finsternis abwandte, merkte sie, dass der Rand des Nachthimmels zu glühen begann. Sie beobachtete, wie das Licht immer heller wurde, von Rot zu Rosa überwechselte, dann zu Blassblau, und während die ersten Sonnenstrahlen am Horizont erschienen, schloss sie die Augen und holte tief Atem. Sie spürte, wie sich ihre Haut erwärmte. Ja, es würde ihr gelingen.

Als sie die Augen wieder öffnete, sah sie Jareths Schloss schimmern, die Umrisse der Türme und Kuppeln reflektierten den Sonnenschein. Aufgeregt blickte sie ins Tal hinab, das wie ein Foto im Entwicklerbad etwas länger brauchte, um Konturen zu gewinnen.

Das erste, was sie registrierte, war die Breite des Tals. Die Entfernung zwischen dem Hang, wo sie sass, und dem Schloss war nicht sonderlich gross. So weit kann ich in gut zwei Stunden laufen, überlegte sie. Es sind nur ein paar Meilen. Jareth wollte mich zum Narren halten. Er dachte die Finsternis würde mir solche Angst  einjagen, dass ich meine Pläne aufgebe und Toby vergesse. Wie könnte ich? Jedenfalls dürfte es ein Kinderspiel sein, in dreizehn Stunden da hinüber - und wieder zurückzugehen. Wahrscheinlich würde sie schon viel früher zu Hause eintreffen.

Dann fragte sie sich, ob dreizehn Stunden in Jareths Land ebenso lange dauerte wie daheim. Wenn ja - was hatten ihr Vater und ihre Stiefmutter gedacht, als sie zurückgekommen waren? Vermutlich hatten sie die Polizei  verständig. Nun, dagegen konnte sie nichts tun. In Jareths Schloss gibt es sicher kein Telefon, sagte sie sich und lächelte.

Die Sonne stand inzwischen über dem Horizont, Farben und Formen bildet sich im Tal. Eintönig wirkte die Landschaft da unten jedenfalls nicht, das konnte sie schon jetzt feststellen. Und während es allmählich heller wurde, sah sie immer deutlicher, was sie erwartete.

Zunächst konnte sie es nicht glauben. Und als die Sonne stieg und neue Einzelheiten beleuchtete, liess Sarah die Schultern hängen, und ihr Lächeln erlosch. Vom Fuss des Berghangs, auf dem sie sass, bis zum Schloss und darüber hinaus - und zwischen den Horizonten zu beiden Seiten des Tals erstreckte sich ein riesiger, verworrener Irrgarten aus Mauern und Hecken. Und mitten darin schien Jareths Festung zu liegen.

"Das Labyrinth", flüsterte sie. "Das ist also das Labyrinth."

Sie studierte das Daurcheinander, versuchte ein System darin zu erkennen, irgendein ordnendes Prinzip, das ihr die Richtung weisen könnte, doch sie fand keines.

Unzählige verschlungene Wege durchzogen das Tal und verdoppelten sich an manchen Stellen. Tore führten zu Toren, hinter denen wiederum Tore lagen. Der Irrgarten errinnerte Sarah an eine Vielzahl von Fingerabdrücken, die einander überschnitten. Hat irgend jemand das alles angelegt, fragte sie sich, oder ist es von selbst entstanden?

Würde sie dieses Labyrinth jemals durchqueren können? Ihre Hoffnung drohte zu schwinden, doch dann stand sie auf, ballte die Hände, hob das Kinn und räusperte sich. "Also, dann fangen wir mal an! Los, ihr faulen Füsse!"

Im Morgenlicht sah sie einen Weg, der im Zickzack den Hang hinabführte. Sie folgte ihm, zwischen Felsbrocken und Büschen. Am Ende des Weges erhob sich eine hoge Mauer, mit Stützpfeilern befestigt, und erstreckte sich nach beiden Seiten, so weit Sarahs Auge reichte.

Skeptisch ging sie darauf zu. Sie hatte nicht die leiseste Ahnung, was sie tun sollte, wenn sie dieses Hinderniss erreichte. Während sie näher kam, nahm sie eine heftige Bewegung am Fuss des Walls wahr. Ein kichernder kleiner Mann schien irgend etwas zu zertreten.

"Entschuldige, bitte...", begann sie.

Der kleine Mann zuckte zusammen. "Ich wollte gerade gehen", sagte er, noch bevor er sich zu dem Neuankömmling umdrehte.

Als er es dann tat, unterliess er es, den Kopf zu heben, und musterte Sarah duch buschige Brauen. "Nun denn!", rief er, ärgerlich und verblüfft. "Nun denn!" Anschliessend hatte er nie zuvor jemanden wie Sarah zu Gesicht bekommen. Oder vielleicht war er noch nie von einem Wesen wie Sarah überrumpelt worden. "Nun denn!", sagte er ein drittes Mal.

So kommen wir nicht weiter, dachte sie. Er war ein merkwürdiges kleines Geschöpft. Seine üppig spriessenden Brauen waren sichtlich bemüht, ein grimmigen Eindruck zu erwecken, aber das restliche Gesicht war unfähig, ihnen nachzueifern. Jetzt wirkte seine Miene eher vorsichtig, nicht besonders freundlich, aber auch nicht feindselig. Er schien Sarahs Blick auszuweichen, und sie merkte, dass er ihre Hände aufmerksam beobachtete, wann immer sie sich bewegten. Auf seinem kopf sass ein winziges Käppchen. An dem Gürtel, der sein Hosenbund zusammenhielt, hing eine Kettemit Zierrat - unechtem Schmuk, soweit Sarah das feststellen konnte. Sie sah, wie der kleine Mann wieder dan Mund öffnete, um ein weiteres Mal "nun denn!", zu sagen, und ergriff hastig das Wort.

"Entschuldige, bitte... Ich muss durch das Labyrinth gehen. Kannst du mir zeigen, wie ich da hineinkomme?" Seine Lippen, die gerade ein N formten, erstarrten. Ein oder zweimal blinzelte er sie an, dann glitt sein Blick blitzschnell zu Seite. Er rannte zu einer Glockenblume und zog eine Spraydose unter seiner Jacke hervor. Während er damit zielte, beobachtete Sarah, wie eine durchsichtige kleine Elfe aus einem blauen Kelch auftauchte.

Er besprühte sie zweimal, worauf die Elfe sofort welkte und wie ein sterbendes Blütenblatt zusammenschrumpfte.

"Siebenundfünfzig", sagte er zufrieden.

Sarah war schockiert. "Ohz, wie konntest du nur!"
Er antwortete mit einem Grunzlaut.
Sie lief zu der Stelle, wo das Elflein mit zitternden Flügeln am Boden lag. "Du armes Ding!" rif sie, hob es behutsam mit zwei Fingerspitzen auf und wandte sich anklagend zu dem Elfenmörder um. "Du Ungeheuer!"

Und dann spürte sie einen stechenden Schmerz, als hätte sie in Glassplitter gegriffen. Die Elfe biss sie in den Finger. "Oh!" Sarah liess sie fallen und steckte den Finger in den Mund. "Sie hat mich gebissen!" murmelte sie, um den Finger herum.

"Natürlich." Der kleine Mann kicherte. "Was kann man von Elfen schon anderes erwarten?"

"Ich..." Sarah runzelte verduzt die Stirn. "Ich dachte, sie würden nur Gutes tun - zum Beispiel Wünsche erfüllen..."

"Ha!" jubelte er und liess die dichten Brauen nach oben schnellen. "Da sieht man, dass du keine Ahnung hast."

Lässig hob er die Dose, um einen weiteren Glockenblumenkelch zu besprühen. Eine zweite schimmernde Elfe fiel herab und färbte sich braun wie ein welkendes  Herbstblatt. "Achtunfünfzig..." Er schüttelte den Kop. "Die vermehren sich genauso schnell, wie ich sie ansprühen kann."

Stöhnend sog Sarah an ihrer Wunde. "Autsch, das tut weh!" jammerte sie, dann nahm sie den Finger aus dem Mund und schüttelte ihn.

Der Zwerg ging zu einem Gewächs, das fast so gross war wie er, riss eins von den breiten grauen Blättern ab und gab es ihr. "Da - reib mal damit drüber."

Dankbar gehorchte sie. Sobald sie die Bisswunde mit dem Blatt einzureiben begonnen hatte, liess sie es fallen, umklammerte den Finger mit der anderen Hand und sprang, von heftigen Schmerzen gepeinigt, umher. "Autsch!", schrie sie. "Jetzt ist es noch schlimmer! Viel schlimmer! AUTSCH!"

Er hielt sich mit seinen dicken kleinen Händen die Seiten die Seiten und brüllte vor Lachen. "Klar!" Wie kann man bolss mit diesem Zeug einen Elfenbiss einreiben. Du weisst wohl überhaupt nichts, was?"

Mit schmerzverzerrtem Gesicht starrte sie ihn an und antwortete wütend: "Ich dachte, du würdest mir einem Heilmittel geben. Oh! Au!"

"Also hast du dir auch das gedacht. Du strotzt ja nur so von Vorurteilen!"  Kichernd fügte er hinzu: " Und sie sind vermutlich alle falsch. Übrigens, deine Hose ist hinten voller Grashalme!"

Trotz der brennenden Bisswunde warf sie einen  Blick über die Schulter und musste ihm recht geben. Kein Wunder - nachdem sie versucht hatte, auf den Hosenboden den Hang hinabzurutschen... Sie wischte die Grashalme weg, so gut sie es vermochte. Dabei erkannte sie, warum ihr der Zwerg diesen üblen Streich gespielt hatte. Er wollte sich rächen, weil sie so plötzlich und unerwartet aufgetaucht war. "Du bist ein Scheusal!" schimpfte sie.

"Nein, das bin ich nicht." Seine Stimme klang erstaunt. "Ich bin Hoggle. Und wer bist du?"
"Sarah."

Er nickte. "Das dachte ich mir."  Er entdeckte eine weitere Elfe und bespritzte sie. Um sicherzugehen, trat er noch darauf. Das Elflein quietschte. "Neunundfünfzig", sagte Hoggle.

Sarah dachte nach, während sie wieder an ihrer Fingerspitze sog. Er schien über sie Bescheid zu wissen. Also musste er irgend etwas mit Jareth zu tun haben, nicht wahr? Vielleicht fungierte er als Spion. Andererseits sah er nicht so aus, wie sie sich Spione vorstellte. Spione waren nicht so griesgrämig und wandten auch keine so miesen Tricks an. Oder doch? Wenn alle ihre Vorurteile falsch waren, so wie er es behauptet hatte, könnte auch dies den Tatsachen widersprechen. Aber wenn er wirklich ein Spion ist, versucht er womöglich, mir einzureden, ich hätte mir über sämtliche Dinge falsche Meinungen gebildet, überlegte sie. Dann hätte ich in Wirklichkeit recht. Und wenn alle meine Absichten stimmen, ist er kein Spion. Das würde wiederum bedeuten, dass er keinen Grund hätte, mir weiszumachen, ich würde mich in allem irren. Und wahrscheinlich täuschte ich mich auch in diesem Fall, und - angenommen, er ist ein Spion...

"Oh!" rief sie ungeduldig. Die Situation erinnerte sie an eine Zeichnung, die sie daheim in einem Buch gesehen hatte und auf der ein Fluss bergauf zu strömen schien, und mann konnte einfach nicht den Finger auf die Stelle legen, wo das Bild log.

Hoggle pflückte ein Blatt von einer anderen Pflanze und bot es ihr an - augenzwinkernd und nicht mehr ganz so mürrisch wie zuvor.

Sarah zog den Finger aus dem Mund. Der Schmerz liess jetzt nach. Sie schüttelte den Kopf und musste über sein komisches verhuntzeltes Gesicht lächeln.
Sofort verdüsterte sich seine Miene wieder. Misstrauisch starrte er sie an. Er war es nicht gewöhnt, belächelt zu werden.

Mir bleibt nichts anderes übrig, dachte sie. Ob er ihr nun nachspioniert oder nicht – er ist weit und breit der einzige, den ich um Hilfe bitten kann. Und so versuchte sie es. „Kennst du den Eingang zm Labyrinth?“

Er verzog die Lippen. „Vielleicht.“

„Also – wo ist die Tür?“

Statt einer Antwort sprang er beiseite und hob seine Spraydose. „Sechzig.“

„Ich habe gefragt, wo sie ist.“

„Was meinst du?“

„Die Tür.“

„Welche Tür?“

„Die Tür zum Labyrinth.“

„Die Tür! Zum Labyrinth! Oh, das ist gut!“ Er lachte, nicht allzu freundlich.

Sarah hätte ihn am liebsten geohrfeigt. „Es ist wohl sinnlos, dich irgendetwas zu fragen.“

„Keineswegs – wenn du die richtigen Fragen stellst.“ Er warf ihr einen Seitenblick zu. „Du bist grün wie eine Gurke.“

„Und was für Fragen wären die richtigen?“

Hoggel strich sich über die Nasenspitze. „Das hängt davon ab, was du wissen willst.“

„Ganz einfach – wie komme ich ins Labyrinth?“

Hoggel schnaufte und musterte sie mit glitzernden Augen. „Ah! Das klingt schon etwas besser.“

Sarah glaubte wieder die Musik in der Luft zu hören, die magische Musik, die den Koboldkönig umsummt hatte. „Da kannst du reingehen.“ Hoggel zeigte an ihr vorbei. Man braucht nur die richtige Fragen zu stellen, wenn man das Labyrinth betreten möchte.“

Sie drehte sich um und sah eine riesige, grotesk geformte Pforte in der Mauer. Fast anklagend starrte sich darauf. Sie hätte beschwören können, dass dieser Eingang vorher nicht existiert hatte.

„Sie du, es gibt eine Tür“, erklärte Hoggel. „Jetzt musst du nur noch den Schlüssel suchen.“

Sarah wandte sich wieder zu ihm und blickte dann suchend umher. Sie sah sofort, dass der Schlüssel leicht zu finden war. In ihrer Nähe lag eine winzig kleine Matte – und darauf ein überdimensionaler Schlüssel suchen.“

„Das ist ja ganz einfach“, meinte sie, ging zu dem Schlüssel hinüber und griff danach. Aber sie konnte jeweils nur das eine oder das andere Ende hochziehen. Der ganze Schlüssel war so schwer, dass sie ihn unmöglich aufheben, zum Tor schleppen und ins Schloss stecken konnte. Sie schaute Hoggel an. „Es wäre wohl zuviel verlangt, wenn ich dich bitten würde, mir zu helfen.“

„Ja“, bestätigte er. Sie versuchte es noch einmal, bot alle ihre Kräfte auf, um den Schlüssel hochzuheben. „ach, wie dumm das alles ist…“, seufzte sie.

„Du meinst wohl, wie dumm du bist“, korrigierte Hoggel.

„Halt den Mund, du elendes Würstchen!“

„Nenn mich nicht so!“ rief Hoggel erbost. „Ich bin kein Würstchen!“

 

„Doch, das bist du.“ Unbehaglich erinnerte sich Sarah an Zeiten, wo sie viel jünger gewesen war und in der Schule grausame Spottlieder gesungen hatte, um ein bedauernswertes Mädchen zu quälen. Aber sie liess nicht locker. „Du bist ein hässliches. Mieses kleines Würstchen.“

Hoggel geriet ausser sich vor Zorn. „Nenn mich nicht so!“ kreischte er hysterisch. „Du! Ha! Inter der Mauer herrschte inDu bist so strohdumm, dass du alles für selbstverständlich hältst!“

„Würstchen! Würstchen!“

„Das bin ich nicht! Das bin ich nicht! Hör auf! Hör auf!“

„Garstiges, ekliges kleines Würstchen!“

Hoggel rang um Fassun, dann erklärte er würdevoll: „Wenn du nicht so vertrottelt wärst, würdest du mal versuchen, das Portal zu öffnen.“

Sarah blinzelte, dachte kurz nach, dann lief sie zum Tor und stiess dagegen. Die schweren Flügel schwangen auf.

„Niemand hat behauptet, dass es verschlossen ist“, bemerkte Hoggel.

„Sehr schlau.“

„Du glaubst wohl, du wärst so besonders schlau. Und weißt du, warum? Weil du nichts gelernt hast.“

Vorsichtig spähte Sarah durch das Tor, und was sie sah gefiel ihr nicht. Hinter der Mauer herrschte in unheimliches Halbdunkel. Die Musik, die in der Luft lag, tönte nun lauter. Und es roch nach Verwesung.

Sie nahm ihren ganzen Mut zusammen und betrat das Labyrinth. Nach zwei Schritten blieb sie stehen. Ein Weg führte am Eingang vorbei – so schmal und von so hohen Mauern begrenzt, dass der Himmel über Sarahs Kopf wie ein schmaler Schlitz wirkte. Von irgendwo drang das Echo plätschernder Wassertropfen zu ihr. Sie ging zum Wall gegenüber dem Tor und berührte ihn. Hastig zog sie die Hand wieder zurück. Das Gestein fühlte sich schleimig an – wie Schimmelpilz. Hoggel steckte den Kopf zur Pforte herein. „Gemütlich, was?“

Sarah erschauerte.

Das Verhalten des Zwerges hatte sich geändert. Er wirkte jetzt etwas ernster, und es kam ihr sogar so vor, als hätte ein besorgter Unterton in seiner Stimme mitgeklungen.

„Du willst wirklich da reingehen, was?“

Sie zögerte. „Ich – ja. Ja, das werde ich tun. Meinst du – gibt es irgendeinen Grund, warum ich es bleiben lassen sollte?“

Bedrückt starrte sie in die gespenstische Dünsternis.

„Viele Gründe“, entgegnete  Hoggle.


„Und gibt es einen Grund, warum du hineingehen solltest? Einen plausiblen Grund?“

„Oh ja.“ Sarah machte eine kleine Pause. „ und ich glaube – deshalb muss ich es tun.“

„Also gut.“ Hoggles Miene besagte, dass Sarah selbst die Verantwortung für ihre Handlungsweise tragen musste. „In welche Richtung willst du gehen? Nach rechts oder nach links?“

Sie schaute nach beiden Seiten, ohne irgendetwas zu entdecken, das ihre Wahl beeinflussen könnte. Der eine Weg sah genauso aus wie der der andere. Die Ziegelmauern schienen sich bis in die Unendlichkeit zu erstrecken. Sarah zuckte mit den Schultern. Sie wünschte, der Zwerg würde ihr helfen, war aber zu stolz, ihn darum zu bitten. „Ich finde keinen Unterschied.“

„Nun, auf diese Weise wirst du nicht weit kommen“, meine Hoggle, oder?“

„Das weiss ich auch“, erwiderte sie ärgerlich. „Welchen Weg würdest du dir aussuchen?“

„Ich?“ Er lachte freudlos. „Ich würde mir keinen von diesen Wegen aussuchen.“

„Was für ein grossartiger Führer du bist!“

„Ich  habe nie behauptet, dass ich ein Führer bin. Allerdings könntest du einen brauchen. Da du dich andauernd zu irren pflegst, wirst du wahrscheinlich da enden, wo du angefangen hast.“

„Weißt du, worin dein Problem besteht?“

Sie ignorierte ihn und versuchte sich den Anschein zu geben, als wüsste sie bereits. Welche Richtung sie einschlagen müsste. Links, rechts, dachte sie, das ist doch die normale Reihenfolge, nicht wahr? Also wäre es ratsam, an diesem abnormalen Ort nach rechts zu gehen.

„Ich hab`s dir schon mal gesagt“, fuhr Hoggle fort. „Du hältst zu viele Dinge für selbstverständlich. Zum Beispiel dieses Labyrinth. Auch wenn du bis zum Mittelpunkt kämst, was zu bezweifeln ist – du würdest nie mehr hinausfinden.

„Das ist deine Meinung.“ Sarah wandte sich nach rechts.

„Nun, das dürfte eine bessere Meinung sein als deine.“

„Vielen Dank – für nichts, Hogwart!“ Entschlossen eilte sie davon.

„Hoggle!“ Er stand immer noch vor dem Tor, und das Echo seiner Stimme folgte ihr. „Und sag bloss nicht, ich hätte es versäumt, dich zu warnen!“

Energisch hob sie das Kinn und ging weiter, zwischen feuchten Wänden.

Schon nach wenigen Schritten hörte sie, wie das Tor mit einem gewaltigen Krach zufiel. Sie hielt inne und kämpfte erfolglos mit der Versuchung, umzukehren und nachzusehen, ob sich das Tor wieder öffnen würde. Es blieb geschlossen.

Hoggle war ausgesperrt. Und die Stille im Labyrinth wurde nur von den plätschernden Tropfen und Sarahs keuchenden Atemzügen durchbrochen.

 

 

 

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