kapitel4

 


Kapitel 4: Welche Tür ist welche?

 

Sarah holte tief Luft und wanderte wieder nach rechts. Ein Flechtengewächs am Torpfosten hob alle seine Lider, und die zahlreichen Augen, die an den Rankenenden hingen, zeigten einen besorgten Ausdruck.

Als sie eine gewisse Strecke zurückgelegt hatte schwangen die Augen zueinander und begannen sich zu unterhalten. Die meisten missbilligten die Richtung, die Sarah eingeschlagen hatte. Das verrieten die bedeutsamen Blicke, die sie wechselten. Sobald es um Orientierungsfragen geht, wissen Flechten bestens Bescheid.

 

Sie folgte dem scheinbar endlosen Weg zwischen den aufragenden Mauern. Nichts an ihrer Umgebung änderte sich. Noch hundert Schritte, beschloss sie nach einer geraumen Weile, und wenn sich dann noch immer keine neuen Möglichkeiten ergeben, werde ich mir was anderes ausdenken.

 

Eins, zwei…Achtundneunzig, neunundneunzig…Die Wälle dehnten sich bis in die Ewigkeit.

„Soll das ein Labyrinth sein?“ fragte sie laut, um wenigstens die Gesellschaft ihrer eigenen Stimme zu geniessen. „Keine Biegung, keine Ecke – überhaupt nichts. Dieser Weg führte immer weiter und weiter…“ Sie unterbrach sich und dachte an Hoggles Worte. „Nun, vielleicht ist es gar nicht so“, argumentierte sie. „Vielleicht – halte ich es nur für selbstverständlich, dass dieser Weg niemals endet.

 

Nur weil`s bis jetzt so aussieht. Und so könnt es weitergehen – immer. Aber dafür fehlte mir die Zeit.“ Wenn sie bloss wüsste, wie viel noch übrig war von den dreizehn Stunden. Warum liess man sie im Unklaren? Sie fand das ziemlich unfair.

 

Noch ein tiefer Atemzug – und dann begann sie zu laufen. Damit erreichte sie nur, dass die Mauern ihre Endlosigkeit etwas schneller enthüllten. Sie beschleunigte ihre Schritte, rutschte im Schlamm aus, stiess gegen die Ziegelmauern, rannte immer geschwinder, und die Wände erstreckten sich vor ihr, ohne Kurve, ohne Änderung, ohne Ende – bis sie übers Sarahs Kopf zu kreisen begannen, bis sie erschöpft zusammenbrach. Tränen rollten über ihre Wangen.

 

Schluchzend lag sie im Schlamm, das Gesicht in den Armen vergraben. Ein Flächtengewächs starrte mitfühlend und sorgenvoll auf sie hinab.

 

Als sie sich erholt hatte, hob sie den Kopf und öffnete die Augen – ganz langsam, in der Hoffnung, diesmal etwas anderes zu sehen, eine Ecke, eine Tor, vielleicht sogar ihr Schlafzimmer. Aber da waren nur zwei Wände.

 

Frustriert schrie sie auf und hämmerte mit beiden Fäusten gegen eine der beiden Mauern.

 

Als hätte es auf eine klingelnde Türglocke reagiert, streckte ein wurmartiges Wesen mit grossen Augen den Kopf aus der Ritze zwischen den Ziegeln hervor, auf die Sarah geschlagen hatte. „`Allo?“ fragte es höflich.

 

Betrübt schaute Sarah in die runden Augen. Ein sprechender Wurm, dachte sie. Nein, ich hätte es niemals für selbstverständlich halten dürfen, dass Würmer nicht reden können. Und ein Wurm, der reden kann, ist vielleicht auch imstande, mir einen Rat zu geben.

 

Mit leiser Stimme fragte sie: "Kennst du den Weg, der durch dieses Labyrinth führt?"

"Wer- ich?" Er grinste. "Nein, ich bin nur ein Wurm."

 

Sarah nickte. Das hätte sie sich denken können.

„Tritt doch näher“, lud er sie ein. „Ich möchte dich mit meiner Frau bekannt machen.“

Sie lächelte gequält. „Herzlichen Dank, aber ich muss durch das Labyrinth gehen. Und hier gibt es keine Abzweigungen, keine Öffnungen- nichts.“ Mühsam schluckte sie ihre Tränen hinunter.

 

„Dieser Weg scheint nirgendwohin zu führen.“

„Ooooh“, erwiderte der Wurm, „du schaust bloss nicht richtig. Die Wände sind voller Öffnungen. Aber du siehst sie nicht, daran liegt`s.“

Sarah blickte sich ungläubig um. Zu beiden Seiten erstrecken sich gleichförmige Mauern.

Das war unlogisch. Aber vielleicht herrschte hier nichts anderes ausser Logik. Und das war womöglich das Problem – nur Logik und keine Vernunft.

„Gleich da drüben findest du eine Öffnung“, fuhr der Wurm fort. „Direkt vor deiner Nase“.

Sie blinzelte. Ziegelsteine, Schimmelpilz, Flechtenklumpen, sonst nichts. „Nein, da ist nichts.“

Der Wurm schnüffelte und bat höflich: „Komm doch herein und trink eine Tasse Tee mit uns.“

 

„Da ist keine Öffnung“, beharrte Sarah.

„Versuchs doch mal, diesem Weg da drüben zu folgen“, schlug der Wurm vor. „Aber warum willst du vorher keinen guten heissen Tee trinken?“

„Wo?“ Sarah starrte auf die blanke Wand.

„Ich setze schon mal Wasser auf.“

 

Der Wurm verschwendete seine Gastfreundschaft. „Da ist nur eine Mauer“, murmelte sie. „Kein Weg führt hindurch.“

 

„Ach, weißt du, dieses Labyrinth… Die Dinge sind nicht immer so, wie sie scheinen- hier nicht. Und deshalb darfst du nichts für selbstverständlich halten.“

 

Sarah warf dem Wurm einen scharfen Blick zu. Warum hatte er den gleichen Text wie der Zwerg? Und dann glaubte sie wieder Hoggels Worte zu hören. „Ich? Ich würde mir keinen von diesen Wegen aussuchen.“

 

Keinen von beiden. Sondern diesen da, direkt vor ihrer Nase. Sie wollte es versuchen. Was blieb ihr sonst noch übrig? Sie stand auf und ging vorsichtig, jederzeit bereit, sofort zurückzuweichen – in die Mauer und hindurch und auf einen anderen Weg.

 

Sarah lächelte entzückt. Auch dieser Weg führte links und rechts in die Unendlichkeit, aber es war wenigstens ein anderer. Dankbar drehte sie sich um. „Danke“, sagte sie zu dem netten Wurm.“ Du hast mir sehr geholfen.“

 

Sie war bereits ein paar Schritte den neuen Weg entlanggegangen, als sie einen leisen Schrei hinter sich hörte. „Nicht diese Richtung!“ rief der Wurm. Er schaute zu der Flechte hinauf, die das Mädchen ängstlich beobachtete, und grinste sie fröhlich an. Der Flechtenklumpen starrte immer noch beunruhigt auf Sarah.

 

Sie blieb stehen, dann rannte sie atemlos zurück. „Was hast du gesagt?“

 

„Das du nicht in diese Richtung gehen sollst“, antwortete der Wurm.

„Oh… Vielen Dank.“ Sie nickte ihm zu und schlug die andere Richtung ein.

Die Flechte blickte ihr nach und seufzte erleichtert auf.

„Puh!“ Der Wurm verdrehte die Augen. „Das war verdammt knapp. Wenn ich sie nicht zurückgeholt hätte, wäre sie geradewegs in dieses grässliche Schloss gelaufen.“

 

 

Im Saal des Koboldkönigs riss Toby, der immer noch seinen rotweiss gestreiften Pyjama trug, den Mund weit auf und brüllte. Die winzigen Hände waren fest zusammengeballt, die Wangen scharlachrot, die Augen zugekniffen, und er schrie so laut, dass Sarah – wäre sie in seiner Nähe gewesen – verzweifelt gestöhnt hätte.

 

Jareth beobachtete ihn und lächelte belustigt. Die anderen Schlossbewohner nahmen kaum Notiz von Toby.

 

Gehörnte, behaarte oder behelmte Kobolde eilten geschäftigt umher, über den schmutzigen Boden, die Thronstufen, die Simse an den Steinwänden. Einige jagten Hühner oder ein schwarzes Schwein, das ebenfalls einen Helm trug, andere zankten sich um einen Leckerbissen. Ein paar spähten in alle verfügbaren Gefässe, voller Hoffnung, etwas Essbares zu finden.

Manche sassen einfach nur da und nagten an Knochen. Und es gab auch welche, die nichts weiter taten, als die übrige Schar mit bösen, rissigen Augen zu betrachten.

Der Saalboden war übersät mit halbleer gegessenen Tellern, verwesenden Fleisch – und Gemüseresten und anderem Unrat. Eine kleine Flugechse flatterte umher und pickte ein paar Delikatessen aus dem Abfallhaufen. Ein Geier hatte sich in der geschwungenen, mit einem Widdergeweih geschmückten Krone eingenistet, die heraldisch über dem Thron hing. Oder vielleicht hatte Jareth ihn dort einquartiert, zu seinem Amüsement.

 

In diesem Schloss brauchte er amüsante Dinge. Die Kobold3e waren – offen gestanden – sterbenslangweilig und so dumm, dass sie das Labyrinth niemals ohne Hilfe durchqueren könnten. Sie besassen keinen Witz, keinen Funken Verstand. In alten Zeiten, als man ihm noch viele Babies angeboten hatte, war Jareth toleranter gewesen, in der Hoffnung, bald jemanden zu finden, den er zu einem würdigen Thronfolger erziehen könnte, dessen junges Blut ihm neue Kraft geben, dessen lebhafter Geist die deprimierenden Gedanken an das nahende Alter verscheuchen würde. Während man ihn immer seltener aufforderte, ein Kind zu stehlen, versank Jareth in tiefe Depressionen. Geflissentlich ging er allein Spiegeln und reflektierenden Gewässern aus dem Weg. Er spürte ohnehin, wie seine Mundwinkel etwas Verkniffenes bekamen, und er brauchte die Falten nicht zu sehen, die seine Stirn durchfurchten, wenn er die Augen nicht verengte, um die Haute zu straffen.

 

Lässig rekelte er sich in seinem Thron, der mit Tüchern behangen war und die Form eines durchbrochenen Kreises hatte, und musterte den heulenden Toby. Wenn ein Glücksstern über dem Schloss leuchtete, würde der Kleine zu einem intelligenten Kobold heranwachsen, geistreiche Witze machen oder zumindest Verständnis für Jareth aufbringen.

 

Vielleicht könnte ihm Toby sogar helfen, dieses heruntergekommene Reich zu regieren – oder wenigstens ein paar neue Ideen für lustige Teufeleien entwickeln. Schafe mit zwei Köpfen, geronnene Milch, scheppernde Pfannen, gestohlene Nachthemden, unfruchtbare Obstbäume, wandernde Tische, verschimmeltes Brot – das alles hatte Jareth schon viel zu oft erlebt. Aber diese Bande, die täglich im trüben fischte und Unsinn quatschte, fand die matten alten Klischees immer noch umwerfend komisch. Was für armselige Laffen…

 

Jareth gähnte und blickte sich müde in seinem Thronsaal um. Totenschädel und Fledermäuse zierten die Wände.

 

Du lieber Himmel…Immer noch Totenschädel und Fledermäuse! Wie geistlos konnte das Leben eigentlich noch werden? Hoffnungsvoll schaute er auf die Uhr. Die schwertförmigen Zeiger wiesen auf halb vier.

 

Neuneinhalb Stunden musste er noch warten, bis die dreizehnte Koboldstunde schlug. Und dann würde er endlich einen neuen Zeitvertreib finden.

 

Er stand auf, streckte sich und begann rastlos umherzulaufen. Ein Kobold wollte an ihm vorbeiflitzen. Jareth griff nach unten, und packte ihn am Genick und hob ihn hoch. Furchtsam starrten ihn die Koboldaugen an.

 

„Du machst dir ja in die Hosen vor Angst“, meinte Jareth und lachte gezwungen.
Die anderen ohlten vor Vergnügen. Jareth war ihr König gewesen, solange sie zurückdenken konnten, also bestenfalls vier Sekunden, und sie wünschten sich, dass er immer ihr König bleiben würde.

Schmerzlich stöhnte Jareth auf.

 

Sarah wanderte zwischen Ziegelmauern dahin. Sie waren immer noch hoch und unheimlich, aber wenigstens schienen sie nicht mehr bis zum Ende von Zeit und Raum zu reichen. Hin und wieder brachten Treppenfluchten eine erfreuliche Abwechslung ins stets Einerlei, oder sie kam sogar zu Kreuzungen und Weggabelungen.

 

Als sie zum erstenmal gezwungen worden war, eine Entscheidung zu treffen, hatte sie eine vernünftige Methode gefunden, um zu vermindern, dass sie im Kreis ging. Mit ihrem Lippenstift, den sie daheim in die Hosentasche gesteckt hatte, malte sie an jeder Abzweigung einen Pfeil auf einen Ziegelstein, um anzuzeigen aus welcher Richtung sie gekommen war. Und wann immer sie den Lippenstift wieder in ihrer Tasche verschwinden liess und einem neuen Weg folgte, riss ein winziges Wesen den Stein aus der Mauer und schob ihn umgedreht wieder hinein, so dass der Pfeil nicht mehr zu sehen war.

 

Nachdem sie achtzehn Ziegelsteine markiert hatte, brach ein Stück von ihrem Lippenstift ab, als sie den  nächsten Pfeil zeichnete. Fest entschlossen, Ruhe zu bewahren, drehte sie den Stift ein Stück weiter heraus, schlug die gewählte Richtung ein und stieg ein paar Stufen hinauf, die in eine Kammer  führten. Am Ende der Wegstrecke, die hinter ihr lag, tauchte eine Koboldschwadron auf, aber davon merkte Sarah nichts, denn sie interessierte sich nur für die Kammer.

 

Es gab keinen zweiten Ausgang in diesem Raum. Sie spähte in jede Nische und hinter alle Stützpfeiler – vergeblich. Schliesslich zuckte sie mit den Schultern und kehrte zum neunzehnten Pfeil zurück. Aber als sie die Bewusste Ecke erreichte, konnte sie ihn nirgends entdecken. Merkwürdig, dachte sie. Ich weiss doch, dass ich ihn hier auf diesen Ziegelstein gemalt habe. Der Stein war leer. Sie runzelte die Stirn und schaute sich um. Auf dem Boden lag das abgebrochene Stückchen von ihrem Lippenstift. Mit zusammengekniffenen Augen starrte sie noch einmal auf die Wand. Der Pfeil blieb unsichtbar.

 

Das war der Beweis – in diesem Labyrinth ging es nicht mit rechten Dingen zu. Wütend warf sie den Lippenstift in den Schlamm. „Irgend jemand hat meine Pfeile weggewischt!“ rief sie, in der sicheren Überzeugung, dass der Schurke nahe genug war, um sie zu hören. „Wie abscheulich! Das ist nicht fair!“

„Genau“, sagte eine Stimme hinter ihr. Das ist nicht fair.“

Sarah zuckte zusammen und fuhr herum.

 

Nun sah sie in der Kammer, die sich eben noch als Endstation erwiesen hatte, zwei reichgeschnitzte Türen. Und vor jeder war ein Wächter postiert. Zumindest glaubte sie, dass die beiden hier Wache hielten, denn sie standen breitbeinig da und trugen schimmernde, prächtige Rüstungen.

 

Doch als sie die zwei Gestalten genauer betrachtete, war sie sich nicht mehr so sicher. Sie kamen ihr ziemlich komisch vor. Die riesen Schilde, mit seltsamen geometrischen Figuren, Schnörkeln und Ornamenten geschmückt, schienen schrecklich schwer zu sein, was die breitbeinige Haltung ihrer Träger erklärte.

 

Die armen Dinger, dachte Sarah. Offenbar mussten sie die ganze Zeit dies unbequeme Stellung einnehmen, damit sie nicht umfielen. Unter dem Helm des Burschen vor der linken Tür flackerten unstete Augen. Sarah beschloss ihn Alph zu  nennen, nach einem ihrer Onkel, der auch solche Augen hatte. Dann überlegte sie, dass der Zwilling zu ihrer Rechten (seine Augen konnte sie nicht sehen, weil ihm sein Helm zu gross war), folgerichtig Ralph heissen müsste (R für >rechts<, das war völlig logisch). Und so änderte sie die Schreibweise der beiden Namen in Alf und Ralf um (was nicht die geringste Rolle spielte, da sie weder den einen noch den anderen Namen jemals aufschreiben würde).

 

Nachdem die Namengebung geregelt war, machte sie die bislang erstaunlichste Entdeckung in dieser Kammer. Unter jedem Schild lugte ein Gesicht hervor, auf den Kopf gestellt, so dass sie sich an die untere Hälfe von Pikbuben erinnert fühlte. Die zwei absonderlichen Wesen (von Sarah Jim und Tim getauft, denn in diesem Augenblick fielen ihr keine anderen Namen ein, die sich reimten), konnten ihre qualvolle Stellung anscheinend nur beibehalten, indem sie sich mit grossen, knorrigen, schwieligen Händen an den unteren Schildkanten fest klammerten.

 

Dadurch mussten sie die Bürde, unter der Alf und Ralf schwankten, noch erschweren. Es war Jim, der sie vorhin angesprochen hatte. Nun fuhr er fort. „Und das ist erst die Hälfte.“

„Die Hälfte von was?“, fragte sie und verrenkte sich beinahe den Hals, um in Jims Gesicht zu schauen. Sie fand, dass es unhöflich gewesen wäre, aufrecht stehen zu bleiben. Man musste sich dien Leuten anpassen, mit denen man sich unterhielt, sogar in diesem Labyrinth.

„Die Hälfte von doppelt so viel“, erwiderte Jim.

„Doppelt so viel wie was?“ erkundigte sich Sarah leicht verärgert.

„Zweimal so viel wie die Hälfte davon.“

„Hör mal…“ Sie hob einen Finger und zeigte auf die hintere Wand der Kammer. „Vorhin war hier der Weg zu Ende.“

„Nein.“ Nun ergriff der umgedrehte Tim das Wort. „Der Weg ist hinter dir zu Ende.“

Sie richtete sich auf und blickte in die Richtung, aus der sie gekommen war, und musste ihm recht geben. Eine fest gefügte Mauer hatte die Treppe ersetzt. „Oh!“ rief sie empört. „Das ist nicht fair. Andauernd wird hier irgendetwas verändert. Was soll ich nun tun? Was erwartet man von mir?“

„Das hängt davon ab, wer was erwartet“, antwortete Jim.

„Zur Hälfte“, ergänzte Tim.

„Versuch`s doch mit einer von diesen Türen“, schlug Jim vor.

„Eine davon führt m Schloss“, verkündete Tim in heiterem Ton, „die andere in den sicheren Tod.“

Sarah schnappte nach Luft. „und welche Tür ist welche?“

 

Jim schüttelte den umgedrehten Kopf. „Das können wir dir nicht sagen.“

„Warum nicht?“

„Wir wissen es nicht!“ krähte Jim triumphierend.

„Aber die wissen es.“

Tim nickte zuversichtlich in Alfs und Ralfs Richtung, und Sarah überlegte, dass es mit einigen Schwierigkeiten verbunden sein musste, so lässig zu nicken, wenn man mit dem Kopf nach unten hing.

„Dann werde ich sie fragen.“

Bevor sie weiter sprechen konnte, sagte Ralf langsam und pedantisch.

 

„Ah – nein! Nein -  du kannst uns nicht fragen…Du kannst nur einen von uns fragen.“ Es schien ihm grosse Mühe zu bereiten, seine Worte zu artikulieren, vor allem, wenn ein F oder K darin vorkam.

„So lauten die Regel.“ Alf sprach schnell und spöttisch, wobei er seine glitzernden Augen unbehaglich umherirren liess und auf ein paar geheimnisvolle Zeichen an seinem Schild wies – vermutlich die schriftlich festgehaltenen Regeln. „Und ich glaube, ich muss dich warnen – einer von uns sagt immer die Wahrheit, und der andere lügt. Auch das ist eine Regel.“ Sein Blick flackerte kurz zu Ralf hinüber. „Er lügt immer.“

„hör nicht auf ihn“, bat Ralf salbungsvoll. „Er lügt. Ich bin es, der stets die Wahrheit spricht.“ „Das ist eine Lüge!“ protestierte Alf.

Jim und Tim kicherten hinter ihren Schildern – ziemlich unverschämt, wie Sarah fand.

„Siehst du“, erklärte Tim, „wenn du einen von den beide fragst, wirst du nicht wissen, ob du die richtige oder die falsche Antwort bekommst.“

„Moment mal!“ rief sie. „Ich kenne diese Rätsle. Davon hab ich schon gehört.

Aber ich konnte es  niemals lösen.“

 

Sie hörte Ralf vor sich hin murmeln: „Er lügt.“

„Nein, er lügt“, behauptete Alf.

Sarah kratzte sich an der Stirn. „Es müsste da eine ganz bestimmte Frage geben, und es würde keine Rolle spielen, an wen ich sie richte…“ Ungeduldig schnalzte sie mit der Zunge. „Oh, was für eine Frage mag das sein?“

„Komm schon, beeil dich!“ drängte Tim missmutig. „Sir können nicht den ganzen Tag hier herumlungern.“

 

„Was soll das heissen?“ fauchte Jim. „Wieso können wir das nicht? Das ist unser Job. Wir sind Türhüter.“

„Ach ja, das hatte ich vergessen.“

„Seid still“, befahl Sarah, „und lasst mich nachdenken.“

„Ich spreche die Wahrheit“. Feierlich drang Ralfs Stimme unter seinem Helm hervor.

 

„Oh, welch eine Lüge!“ fügte Alf mechanisch hinzu.

Sarah versuchte das Problem auf logische Weise zu meistern. Mit erhobenem Zeigefinger argumentierte sie: „Zunächst muss man herausfinden, wer von euch beiden der Lügner ist…Nein, das ist unmöglich. Also – man  muss eine Frage finden, die man sowohl dem einen als auch dem anderen stellen kann – und auf die man beide Male dieselbe Antwort bekäme…“

„Oh, das Mädchen ist Klasse!“ grölte Tim. „Einer von euch lügt immer, und der andere sat immer di Wahrheit, und sie will das fragen, auf das es nur eine Antwort gibt! Oh, das wir ein Riesenspass! Das ist himmlisch!

Oh!“

Sarahs Augen verengten sich. Sie glaubte nun Bescheid zu wissen „Nun, wen soll ich fragen?“

Alf und Ralf zeigten aufeinander.

Lächelnd wandte sie sich an Ralf. „antworte mit  >ja< oder >nein<. Würde er“, sie wies auf Alf, „mir sagen, ob die Tür hinter deinem Rücken zum Schloss führt?“

Alf und Ralf starrten sie an, dann wechselten sie bedeutsame Blicke und hielten im Flüsterton eine Konferenz ab.

Schliesslich schaute Ralf wieder zu ihr auf.

„Eh – ja.“

„Also führt die andere Tür zum Schloss“, folgerte wie, „und diese hier in den sicheren Tod.“

„Wieso weißt du das?“ fragte Ralf langsam und tief betrübt. „Er könnte dir die Wahrheit verraten.“

„Dann würdest du lügen“, entgegnete Sarah. „Wenn du mir erklärst, er würde >ja< sagen, weiss ich, dass die Antwort in Wirklichkeit >nein< lautet.“ Sie war sehr zufrieden mit sich selbst.

Niedergeschlagen senkten Ralf und Alf die Köpfe. Sie fühlten sich auf obskure Weise betrogen.

„Aber ich könnte doch die Wahrheit sagen“, begehrte Ralf auf.

„Dann würde er lügen.“ Sarah gestattete sich ein breites, vergnügtes Grinsen. „Auch wenn du behauptest, dass er >ja< sagen müsste, wäre die richtige Antwort >nein<.“

„Warte mal!“ Ralf zog die Stirn in  Falten. „Stimmt das?“

„Keine Ahnung“, erwiderte Alf leichthin. „Ich habe nicht zugehört.“

 

„Es stimmt“, versicherte Sarah. „Ich hab`s herausgefunden. Endlich ist es mir gelungen – nachdem ich so oft vergeblich drüber nachgedacht habe.“ Sie strahlte vor Freude. „Vielleicht werde ich mit der Zweit immer klüger.“

 

Sie ging zu der Tür hinter Alf.

„Sehr schlau – wirklich“, bemerkte Jim enttäuscht und streckte ihr die Zunge heraus. Auch Sarah zeigte ihm die Zunge, bevor sie die Tür öffnete.

 

„Das war ein Kinderspiel!“ rief sie.

Dann trat sie über die Schwelle und fiel in einen Schacht hinab.

Entsetzt schrie sie auf. Das obere Ende des Schachts war eine Lichtscheibe, die blitzschnell kleiner wurde.

 

 

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