kapitel5


Kapitel 5: Im Verlies


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ährend sie schreiend den Schacht hinabfiel, spürte Sarah, dass ihr Sturz von irgendwelchen Dingen die ihren Körper streiften, ein wenig gebremst wurde. 

Es mochten grosse, dicke Blätter sein, vielleicht auch robuste Pilze, die ringsum aus den Wänden wuchsen. Was immer es war – sie versuchte sich daran festzuhalten, um sich vor dem grausigen, vernichtenden Aufprall zu retten, mit dem sie jeden Augenblick rechnete. Trotz dieser geheimnisvollen Hindernisse flog sie immer noch viel zu schnell nach unten.

Plötzlich – durch blinden Zufall – geriet ihr Handgelenk in eins von diesen Dingen, das sich sofort eng darum schloss. Ein heftiger Ruck kugelte ihr beinahe das Schultergelenk aus, dann blieb sie hängen.

„Oh!“ keuchte sie erleichtert und rang nach Atem.

Sie spähte mit zusammengekniffenen Augen hinab, um festzustellen, wie lange es noch gedauert hätte, bis alle ihre Knochen zerbrochen wären. Aber sie sah nur einen endlosen senkrechten Tunnel, gesäumt von diesen sonderbaren Gewächsen, und alle glichen dem einen, das ihren Sturz aufgehalten hatte.

 

Nun schaute sie nach oben. Die Tür, durch die sie in den Schacht getreten war lag hoch über ihr. Allmählich gewöhnten sich ihre Augen an das Dunkle und sie erkannte, wovon sie festgehalten wurde – von einer Hand. Überall ragten Hände aus den Mauern und tasteten ins Leere, wie Schilfgräser unter Wasser.
Wachsende Angst verdrängte Sarahs Erleichterung. Sie hin an einer Hand, zu der offensichtlich kein Körper gehörte, und sie wusste nicht, wie sie sich jemals befreien sollte.

Vielleicht waren das fleischfressende Hände, oder sie ähnelten jenen Spinnen, die einen ganz einfach in Luft verwandelten, über einen langen Zeitraum hinweg. Nervös blickte sie wieder hinauf und hinunter – diesmal, um herauszufinden, ob irgendwo Skelette baumelten, doch sie entdeckten nichts dergleichen.

 

Und nun spürte sie, wie andere Hände nach ihr griffen und über ihren Körper glitten, über den Hals, die Oberschenkel und Waden. Schaudernd schrie sie: „Oh, hört auf!“ Und obwohl sie die Hoffnungslosigkeit ihrer Lage erkannte, rief sie: „Hilfe! Hilfe!“ Mit aller Kraft wand sie sich hin und her, versuchte die unheimlichen Finger abzuschütteln und tastete gleichzeitig mit ihrer freien Hand nach einem Halt, versuchte verzweifelt, dem Verhängnis zu entrinnen und davonzuklettern. Aber ausser weiteren Händen gab es nichts, woran sie sich festklammern konnte. Als ihr der Gedanke kam, dass es vielleicht möglich wäre, auf den schwankenden Fingern hinaufzusteigen wie auf Leitersprossen, bemühte sie sich, ihr Handgelenk aus der ersten Hand zu ziehen.

 

Das nützte ihr nichts. Jetzt wurde sie fester umkrallt den je, war gefangen in einem Netzwerk aus lauter Händen.

„Hilfe!“ wimmerte sie.

Da spürte sie, wie jemand auf ihre Schulter klopfte und hob den Kopf. Zu ihrer Verwirrung sah sie, dass die Hände an der einen Seite ein Gesicht bildeten. Daumen und Zeigefinger formten Ringe, die Augen darstellten, zwei andere Hände fungierten als Lippen.

„Was soll das heissen? Warum rufst du um Hilfe? Wir helfen dir doch. Wir sind die helfenden Hände.“
„Ihr tut mir weh“, entgegnete Sarah. Das stimmte nicht ganz. Es waren eher Ängste als Schmerzen, die sie quälten.
Ringsum entstanden weitere Gesichter, und eines fragte: „Möchtest du, dass wir dich loslassen?“
Sie warf einen Blick in die Tiefe des Schachts. „Eh – nein…“
„Nun, dann komm!“ wurde sie von einem der Münder aufgefordert. „Welchen Weg willst du gehen?“
„Welchen Weg?“ wiederholte sie verdutzt.
„Hinauf oder hinunter?“
„Oh…“ Sarahs Verwirrung wuchs. „Eh…“ Sie schaute wider nach oben zum Licht, doch es wäre eine Art Rückzug gewesen, hätte sie sich dorthin bringen lassen.
Zögernd blickte sie in die unbekannte, unergründliche Tiefe hinunter.
„Also, was möchtest du?“ drängte eine ungeduldige Stimme. „Wir haben nicht den ganzen Tag Zeit.“
Warum haben sie`s so eilig, fragte sich Sarah.
„Es ist eine schwierige Entscheidung, die sie da treffen muss“, meinte eine mitfühlende Stimme.
„Also, welchen Weg wählst du?“ wollte eine andere, etwas energischere Stimme wissen.
Die Leute im Labyrinth waren alle so gebieterisch. Ich hätte allen Grund, die Dinge zu beschleunigen, überlegte Sarah, nicht diese Hände. Denn ich muss innerhalb von dreizehn Stunden meinen kleinen Bruder finden, und nur der Himmel weiss, wie viel Zeit inzwischen schon verstrichen ist. Aber wieso kommandieren mich diese Leute – falls man überhaupt von Leuten sprechen kann – so herum?
„Los! Sag es endlich!“
„Also – eh…“ Sie zauderte immer noch. Das obere Ende des Schachts war uninteressant, das untere furchterregend.
Unzählige Gesichter beobachteten die unschlüssige Sarah. Manche kicherten und pressten andere Hände auf die Münder.
Sie holte tief Atem. „Nun, da ich ohnehin schon auf dem Weg dahin bin, möchte ich – hinunter.“
„Sie will nach unten?“ Wieder klang hinter vorgehaltenen Händen Gekicher auf. „Nach unten!“
„War meine Entscheidung nicht richtig?“ fragte Sarah ängstlich.
„Jetzt ist es zu spät“, entgegnete eins von den Handgesichtern. Und dann begannen sie Sarah hinabzubefördern – keineswegs unsanft. Während sie von einer Hand zur anderen gereicht wurde, ertönte ein Gesang, der sich wie ein lustiges Seemannslied anhörte.
 
„Runter, runter, runter, runter,
Immer runter, Jungs.
Hebt sie runter, hebt sie runter!
Runter, runter, runter, runter,
Immer munter, immer munter,
Nicht so müde, Jungs!
Runter, runter, runter, runter!“
 
Und so glitt sie hinab, bis sie über einer Luke festgehalten wurde, von der die helfenden Hände den Deckel entfernten. Die untersten Finger liessen sie los, und sie fiel in das Loch. Das Letzte, was sie von den Händen sah, war ein freundliches Winken, mit dem sie sich verabschiedeten.
Als ihre Füsse auf dem Steinboden einer kleinen dunklen Zelle landeten, wurde die Luke mit klirrendem Krach geschlossen.
In tintenschwarzer Finsternis setzte sich Sarah hin. Ihr Gesicht war ausdruckslos.
 
Im Saal des Koboldkönigs schimmerte das Bild ihrer unbewegten Miene aus einer Kristallkugel.
„Sie sitzt in der Oubliette“, bemerkte Jareth.
Die Kobolde kicherten boshaft, tanzten und sprangen umher. Vor unbändigem Vergnügen risse sie die Mäuler sperrangelweit auf und schlugen sich auf die Schenkel.
„Seid still!“ befahl Jareth.
Sie erstarrten, wandten nur die Köpfe zu ihrem Köni.
Dann fragte ein etwas intelligenterer Kobold: „Darf man nicht lachen?“
„Sie hätte gar nicht bis zum Verlies kommen dürfen.“
Jareth studierte immer noch Sarahs Gesicht in der Kristallkugel und runzelte die Stirn. „Mittlerweile hätte sie`s aufgeben müssen.“
„Sie wird`s niemals aufgeben“, erwiederte ein anderer schlauer Kobold.
„Ha!“ Jareth lacht freudlos. „Nein? Oh, sie wird den Mut verlieren, wenn sie noch mal von vorn anfangen muss.“
Er liebte es, sein Labyrinth als eine Art Brettspiel zu betrachten. Wenn man sich schon am Ziel wähnte, wurde man durch irgendein Missgeschick wieder zum Start zurückbefördert. Bis jetzt hatte noch niemand den Irrgarten durchquert, und nur wenige waren so weit vorgedrungen wie dieses verflixte Mädchen.
Bedauerlicherweise war Sarah schon zu alt, um in einen Kobold verwandelt zu werden. Nachdenklich musterte Jareht ihr Gesicht in der Kristallkugel. Zu alt für eine Kobold, aber so jung, dass er sie nicht hier behalten konnte. Zum Teufel mit ihren unschuldigen Augen! Er musste sie augenblicklich zu Quadrat eins zurückschicken, bevor sie eine ernsthafte Bedrohung für Toby wurde. Und er wusste auch, wie er vorgehen musste. „Hoggel!“ rief er und liess die Kristallkugel kreisen.
Das Gesicht de Zwerges erschien in ihren klaren Tiefen.
„Sie sitzt in der Oubliette“, erklärte Jareth. „Bring sie zur Aussenmauer zurück.“
Hoggel legte den Kopf schief und schnitt eine Grimasse.
„Sie ist fest entschlossen, Majestät, und es dürfte problematisch sein…“
„Tu, was ich dir sage!“
Jareth warf die Kristallkugel in der Luft, wo sie wie eine Seifenblase zerplatzte.
Grinsend stellte er sich vor, was für ein Gesicht Sarah machen würde, wenn sie sich jenseits von Hoggels Teich wiederfand. Dann warf er den Kopf in den Nacken und brüllte vor Lachen.
Unsicher beobachteten ihn die Kobolde. War es nun angebracht, ebenfalls zu lachen?
„Los, tut euch keinen Zwang an!“ wurden sie von Jareth ermuntert.
Und da begannen sie in jener simplen Schadenfreude, die bösartigen Leuten eigen ist, zu kreischen und zu meckern. Der klügste Kobold feuerte sie an wie ein Dirigent und geleitete sie zu einem wilden Höhepunkt, wo sie ihre tückischen Lüste in vollen Zügen auskosteten.
 
Sarah sass auf dem Boden der schwarzen Zelle und wünschte, sie hätte sich von den helfenden Händen zum oberen Ende des Schachts bringen lassen, zum Licht. Worauf konnte sie hier, an diesem Schreckensort, noch hoffen?
Vier ihrer Sinne hatten sich in der Dunkelheit geschärft, und so vernahmen sie ein leises, scharrendes Geräusch.
„Wer ist da? Wer ist hier bei mir?“ Voller Angst hielt sie den Atem an.
„Ich“, antwortete eine mürrische Stimme.
Wieder war ein Scharren zu hören, dann flammte Licht auf, als ein Streichholz angezündet wurde und eine Fackel in Brand steckte.
Hoggel sass auf einer Bank, die Fackel in der Hand.
„Oh!“ rief Sarah. „Es freut mich wirklich sehr, dich wieder zu sehen, Hoggel.“ Sie war so erleichtert, dass sie ihn am liebsten umarmt hätte.
„Nun denn!“ sagte Hoggel brüsk. Die Situation schien ihm ein bisschen peinlich zu sein, und nun versuchte er offenbar, mit diesem mürrischen Tonfall seine Verlegenheit zu überspielen. „Ich finde es auch ganz nett, dich widerzusehen.“
Sarah stand auf und ging zu ihm. „Was machst du hier?
Wie bist du hier hereingekommen?“
Er zuckte mit den Schultern und wandte sich halb ab.
„Als ich dich kennen lernte, wusste ich sofort, dass du in Schwierigkeiten geraten würdest. Und deshalb – habe ich beschlossen, dir zu helfen.“
Noch eine helfende Hand, dachte Sarah und erschauerte.
Diese Art von Unterstützung konnte ihr gestohlen bleiben. „Du meinst – du willst mir helfen, das Rätsel des Labyrinths zu lösen?“ fragte sie.
„Du willst das Labyrinth enträtseln?“ Hoggel schüttelte verächtlich den Kopf. „Weißt du denn nicht, wo du bist?“
Sie schaute sich um. Im Lichtkreis der Fackel erblickte sie Steinwände, einen Steinboden und eine steinerne Decke.
Die primitive Holzbank war der einzige Luxus in diesem Raum.
„Ah, jetzt sieht sie sich um!“ Hoggels Verachtung hatte sich in Sarkasmus verwandelt. „Ich nehme an, das kleine Fräulein hat bemerkt, dass es hier keine Türen gibt – nur die Luke da oben.“
Sarah spähte mit zusammengekniffenen Augen in die schattige Ecken und stellte fest, dass er recht hatte.
„Das ist eine Oubliette“, erklärte Hoggle, „eine von vielen in diesem Labyrinth.“
Der wissende, spöttische Klang seiner Stimme ärgerte sie. „Tatsächlich?“ entgegnete sie, ebenso ironisch wie er. „Wer hätte das gedacht!“
 
„Spiel dich nicht so auf!“ fauchte er. „Du weißt doch gar nicht, was eine Oubliette ist.“
„Und du weißt es natürlich, was?“
„Allerdings“, bestätigte Hoggel stolz. „Das ist ein Ort, wo man Leute einsperrt, die man vergessen will.“
 
Sarah erinnerte sich an die französischen Verben, die sie in der Schule gelernt hatte. Hochzufrieden mit sich selbst, erwiderte sie: „Klar – das kommt von dem französischen Wort oublier, und das bedeutet >vergessen<. Aber damit erzähle ich dir sicher nichts Neues.“
 
Hoggel kratzte sich am Kinn und liess seinen Blick unheilvoll durch di Zelle wandern.
Erst jetzt begann Sarah den Sinn seiner Worte zu begreifen. Sie starrte auf die flackernden Schatte, die das Licht der Fackel an die Wände warf, und fröstelte. Eine Zelle für Leute, die man vergessen wollte… Was hatte Jareth mit ihr vor? Würde er sie einfach vergessen? Das war nicht fair. Er hatte sie zu diesem Wettstreit herausgefordert.
 
Ihre Chancen waren nicht allzu gross gewesen, aber sie hatte einen tapferen Anfang gemacht. Jetzt konnte er sie doch nicht in diesem finsteren Loch vermodern lassen. Konnte er das?
 
Hoggel watschelte in eine Ecke der Oubliette, seine Fackel in der Hand, und bedeutete ihr, ihm zu folgen. Sie gehorchte, und ihr Schatten tanzte riesengross über eine der Mauern. In der Ecke sass ein Skelett, mit angezogenen Beinen, den Kopf an die Wwand gelehnt.
 
Sie presste eine Hand auf den Mund, wollte schreien, besann sich dann aber eines Besseren. Nein, sie würde nicht die Nerven verlieren.
 
„Siehst du`s jetzt ein?“ Hoggel blinzelte sie an. „Dieses Labyrinth ist gefährlich – und nicht der richtige Ort für ein kleines Mädchen.“
Sie starrte ihn an. Wer war denn hier klein?
Er zeigte auf das Skelett. „Genauso wirst auch du enden, wenn du dich nicht von deinem Vorhaben abbringen lässt. In einer Oubliette, so wie der da. Es gibt viele böse Erinnerungen im Labyrinth, das darfst du mir glauben.
 
Und deshalb solltest du von hier verschwinden, kleines Fräulein.“
„Abdf ich muss meinen Bruder finden.“
„Vergiss es. Zufällig…“ Hoggel legte eine kurze Pause ein, strich sich mit dem Zeigefinger über die Wange. „Zufällig kenne ich einen Weg, der von dieser Zelle aus dem Labyrinth führt – eine Abkürzung.“
 
„Nein“, entgegnete sie, ohne zu zögern, „ich geb`s noch nicht auf. Dazu bin ich schon zu weit gegangen. Dazu habe ich meine Sache viel zu gut gemacht, jedenfalls bis jetzt.“
 
Er nickte und versicherte ihr freundlich: „Du warst grossartig.“ Dann schüttelte er den Kopf und sog schmatzend die Luft zwischen den Zähnen ein. „Aber du bist immer noch am Rand des Labyrinths – ganz am Anfang. Von jetzt an würde es immer schlimmer werden.“
 
Irgend etwas an seinem eindringlichen Tonfall weckte Sarahs Misstrauen. „Warum bist du so besorgt um mich?“
„Was?“ Hoggel schaute sie gekränkt an. „Weil ich Angst um dich habe – ehrlich. Ein so nettes junges Mädchen – in dieser grässlichen, finsteren Oubliette…“
„Hör mal“, unterbrach sie ihn, „du magst doch Schmuck, nicht wahr?“
Er zog die Stirn in Falten. „Warum?“ fragte er langsam.
„Du hast da ein paar sehr hübsche Stücke. „ Sie zeigte auf die Kette mit dem simplen Tand, die an seinem Gürtel hing. Im schwachen Fackellicht war sie sich nicht ganz sicher, glaubte aber ein freudiges Erröten auf seiner stoppelbärtigen Wange zu sehen.
 
„Danke“, entgegnete er.
„Wenn du mir hilfst, einen Weg durch das Labyrinth zu finden…“, Sarah holte tief Atem, „…gebe ich dir…“ Sie zog ihr Armband vom Handgelenk. Es war aus billigem Plastik und liess sich nicht mit dem schönen Schmuck vergleichen, den sie von ihrer Mutter bekommen hatte, „…das da“, vollendete sie ihren Satz und hielt es dem Zwerg unter die Nase.
„Hm… Hoggel leckte sich über die Lippen und musterte es abschätzend.
„Es gefällt dir, nicht wahr?“
 
Sie sah ein begehrliches Glitzern in seinen Augen und merkte, dass er auch ihren Ring anstarrte, der genauso wertlos war wie das Armband. Aber er bedeutete ihr sehr viel, weil ihre Mutter ihn als Hermione in Shakespears >Wintermärchen< getragen hatte.
„So, so…“ Hoggel räusperte sich. „Du willst mir also dieses Ding schenken. Gut, dann sage ich dir, was ich dafür tun werde. Ich führe dich aus dem Labyrinth hinaus.“
„Das hattest du doch ohnehin vor“, wandte Sarah ein.
„Ja. Aber es wäre eine nette Geste von dir, wenn du mir das da geben würdest, um deine Dankbarkeit zu zeigen.“
Er streckte eine Hand aus.
„O nein!“ Blitzschnell zog sie das Armband zurück. „Du musst mir helfen, das Labyrinth zu durchqueren.“
Hoggel schnaufte. „Und wieso glaubt das kleine Fräulein, dass ich den Weg kenne?“
„Nun, immerhin hast du hier hergefunden, oder?“
„Was?“ Er schnalzte mit der Zunge und schüttelte den Kopf. „Das schon, aber… Ich habe dir doch gesagt, dass wir hier erst am Anfang des Labyrinths sind. Du bist praktisch die ganze Zeit auf der Stelle getreten.
 
Sei doch vernünftig! Du willst ja gar nicht weiter hineingehen. Wirklich, du hast alles getan, was du konntest, sogar noch mehr, und bewiesen, was für ein kluges, tapferes Mädchen du bist. Und was mit dir geschehen könnte, wenn du dich noch tiefer ins Labyrinth hineinwagst, würdest du wahrlich nicht verdienen.“ Er warf einen vielsagenden Blick auf das Skelett das im zitternden Fackelschein seine Knochen zu schütteln schien. „Nein, nein, du verdienst es, davor bewahrt zu werden, glaub mir. Also – was hältst du davon?“ Er schaute zu ihr auf, die Schweinsäuglein unter den buschigen Brauen funkelten listig.
 
Unschuldig erwiderte sie seinen Blick. Welches Spiel er auch immer mit ihr trieb, er spielte es sehr schlecht. Sie musste sich auf die Unterlippe beissen, um nicht in Gelächter auszubrechen. „Ich mache dir einen Vorschlag…“ Aufmerksam beobachtete sie ihn. „Wenn du mich nicht durch das ganze Labyrinth führen willst, bring mich wenigstens so weit wie möglich, und ich versuche, den Rest allein zu schaffen.“
 
Hoggel seufzte angewidert. „Von allen sturen Dickschädeln, die mir jemals untergekommen sind…“
Sarah liess das Armband vor seinem Gesicht baumeln.
„Es wäre ein faires Geschäft, ohne zusätzliche Bedingungen. Du führst mich, so weit es geht, und kriegst dafür das Armband. Nun, wie wäre das?“
 
Der Armreif tanzte in ihrer Hand, und Hoggels Augen tanzten mit. Neidvoll fragte er: „Was ist da überhaupt?“
„Plastik.“
Da leuchtete sein Blick auf. Er hob einen stämmigen Arm, damit Sarah ihm das Armband übers Handgelenk streifen konnte, betrachtete es von allen Seiten und konnte sein Entzücken nicht verbergen.
 
„Ich verspreche dir gar nichts, aber…“ Er grunzte resignierend, dann fuhr er fort: „Ich führe dich ins Labyrinth hinein, so weit es möglich ist. Und danach musst du dir selber helfen. Einverstanden?“
„Einverstanden“, stimmte Sarah zu.
Er nickte. Seine Augen glänzten immer noch, als er das Armband an seinem Handgelenk anstarrte. „Plastik!“
Murmelte er hingerissen.
„Komm jetzt!“ drängte sie.
Hoggel trat in Aktion. Er packte die schwere Holzbank, und mit einer Kraft, die Sarah diesem kleinen Körper mit den hängenden Schultern niemals zugetraut hätte, stellte er sie hochkant hin, so dass die Sitzfläche an die Wand grenzte.
 
Verblüfft schaute Sarah auf zwei Türknäufe an der Unterseite der Bank. Einer ragte am linken Ende heraus, der andere am rechten. Und dann beobachtete sie mit grossen Augen, wie Hoggel an einem der Knäufe drehte. Die Sitzfläche verwandelte sich in eine Tür, die durch die Steinmauer führte. Das ist nicht fair, dachte Sarah. Mit einem boshaftem Grinsen – er genoss es, sich vor dem kleinen Fräulein in Szene zu setzen – trat Hoggel über die Schwelle.
 
Sie wollte ihm folgen, doch da hörte sie ein Krachen und Klirren. Besen und Eimer fielen durch die Tür in die Oubliette. Sie lachte, denn sie kannte den alten Witz vom Besenschrank.
 
„Oh, verdammt!“ drang Hoggels wütende Stimme aus dem Kasten. Er kam in die Zelle zurück, wich Sarahs Blick aus, verfrachtete die Besen und Eimer wieder an ihren Platz und schloss die Tür. Immer noch verlegen, griff er nach dem anderen Knauf. „Man kann ja nicht immer recht haben, oder?“ murmelte er. Diese Tür öffnete er nicht ganz so schwungvoll wie di andere. Vorsichtig spähte er hinein. „Jetzt haben wir`s. Komm!“
Sie folgte ihm in einen schwach beleuchteten Korridor mit Wänden, in deren Gestein groteske Ornamente geritzt waren.
 
Schon nach wenigen Schritten vernahmen sie eine dröhnende Stimme. „GEHT NICHT WEITER!“
Sarah zuckte erschrocken zusammen und sah sich um. Ausser Hoggel liess sich niemand blicken Und dann entdeckte sie einen Mund, der in die Mauer geritzt war. Als sie zurücktrat, erkannte sie, dass die Lippen zu einem riesigen Gesicht gehörten. Aähnliche Gesichter säumten den Korridor zu beiden Seiten. Während sie mit Hoggel ihren Weg fortsetzte, tönte aus jedem Mund eine sonore Warnung.
„Geht zurück, solange es noch möglich ist!“
„Dies ist nicht der richtige Weg!“
„Nehmt euch in acht und geht nicht weiter!“
„Vorsicht! Vorsicht!“
„Bald wird es zu spät sein!“

Sarah presste die Hände auf die Ohren. Die mahnenden Stimmen schienen in ihrem Kopf widerzuhallen.
Hoggel, der vor ihr durch den Gang lief, drehte sich um und merkte, dass sie stehen geblieben war.


„Pah!“ rief er und machte eine wegwerfende Handbewegung. „Hör nicht auf diesen Unsinn! Das sind nur die falschen Warner, die gibt’s im Labyrinth an allen Ecken und Enden.
Diese Unkerei hat nichts weiter zu bedeuten, als dass wir auf dem richtigen Weg sind.“
 
„O nein, das seid ihr nicht!“ donnerte ein Gesicht.
„Halt den Mund!“ wurde es von Hoggel angefaucht.
„Tut mir leid“, entschuldige sich das Gesicht, „ich tue nur meine Pflicht.“
„Das kannst du dir in diesem Fall sparen“, entgegnete Hoggel und führte Sarah weiter den Korridor hinab.
Das Gesicht starrte ihnen nach. „Was für raffinierte Leute!“ murmelte es anerkennend. Der Tunnel wand und schlängelte sich dahin, aber im grossen und ganzen gewann Sarah den Eindruck, dass sie sich stets in dieselbe Richtung bewegten, falls es in diesem Labyrinth überhaupt Richtung bewegten, falls es in diesem Labyrinth überhaupt Richtungen gab. Ermutigt eilte sie hinter Hoggel her. Als sie wieder an einem Gesicht vorbeikamen, begann es zu deklamieren: „Oh, hütet euch, denn…“
Hoggel winkte ab. „Mach dir keine Mühe.“
„Oh, bitte!“ flehte das Gesicht! „Ich habe es schon so lange nicht mehr gesagt. Du ahnst ja nicht, wie das ist – hier in der Mauer festzusitzen und…“
„Also gut“, fiel ihm Hoggel ins Wort, „aber erwarte bitte nicht, dass wir dich ernst nehmen!“
Das Gesicht begann zu strahlen. „O nein, natürlich nicht.“ Es räusperte sich, dann sprach es salbungsvoll: „…denn dieser Weg wird euch ins unabwendbare Verhängnis führen…“ Nacht einer kleinen Pause, fügte es höflich hinzu: „Vielen Dank.“
Während das Gesicht seinen Vortrag gehalten hatte, war eine kleine Kristallkugel hinter Sarah und Hoggel den Gang herabgerollt. An einer Ecke überholte sie die beiden, und sie sahen, wie sie vor ihnen herhüpfte. Ein blinder Bettler hockte am Boden, an die Wand gelehnt. Vor seinen Füssen lag ein umgedrehter Hut. Behende sprang die Kristallkugel hinein.
 
Sarah hörte den Zwerg stöhnen und schaute ihn an. Sein Mund stand offen, die Augen starrten in den Hut. Der Bettler wandte sich zu ihnen. „Wen haben wir denn da?“
„Eh – niemanden“, stotterte Hoggel.
„Niemanden? Niemanden?“ Der Bettler erhob sich.
Hoggel erstarrte, und Sarah schnappte nach Luft. Es war Jareth.
„Majestät…“ Hoggel verbeugte sich so kriecherisch, dass er einen Salto vorwärts riskierte. „Was – was für eine nette Überraschung!“
„Hallo, Hedgewart“, begrüsste ihn der Koboldkönig.
„Hogwart“, verbesserte ihn Sarah.
„Hoggel!“ stiess der Zwerg zähneknirschend hervor.
„Also, Hoggel“, begann Jareth in freundlichem Konversation, „wäre es möglich, dass du diesem Mädchen hilfst?
„Ob ich ihr helfe?“ versuchte Hoggel Ausflüchte zu machen. „In welchem Sinne meint Ihr das, Majestät?“
„Führst du sie weiter ins Labyrinth hinein?“ fragte Jareth.
 
„Oh – also in diesem Sinne…“, erwiderte Hoggel.
„Ja.“
„O nein, Majestät! Ich führe sie zum Anfang zurück.“
„Was?“ rief Sarah.
Der Zwerg zwang seine Lippen zu einem liebenswürdigen Lächeln, das ausschliesslich für den König bestimmt war. „Ich habe ihr weisgemacht, ich würde ihr helfen, das Labyrinth zu enträtseln. Ein kleiner Trick meinerseits…“ Er lachte meckernd und schluckte. „Aber in Wirklichkeit…“
 
Jareth grinste ihm freundlich zu und unterbrach ihn. „Und was ist das für ein Plastikreif an deinem Handgelenk?“
„Das?“ Hoggel starrte auf das Armband, als müsste es ihm irgendjemand ohne sein Wissen angelegt haben und als würde er es erst jetzt zum ersten Mal sehen. „O – du meine Güte!“ stammelte er. „Also, ich weiss ehrlich nicht… Woher kommt denn das?“
„Hoggel“, entgegnete der König in gleichmütigem Ton, „wenn ich argwöhnen müsste, dass du mich hintergehst, hätte ich allen Grund, dich im Morast des Ewigen Gestanks aufzuhängen – mit dem Kopf nach unten.“
„O nein, Majestät!“ Hoggels Knie begannen zu zittern.
„Das nicht! Nicht der Ewige Gestank!“
„Oh, doch, Hoggel.“ Lächelnd wandte sich Jareth zu dem Mädchen. „Nun, wie gefällt dir das Labyrinth, Sarah?“
 
Sie schluckte und hörte Hoggels Füsse neben sich scharren. Fest entschlossen, sich nicht von Jareth einschüchtern zu lassen, trug sie eine Gelassenheit zur Schau, die sie keineswegs verspürte. „Ich finde es nicht besonders aufregend.“ Der König hob eine wohlgeformte Braue, und Hoggel schloss gepeinigt die Augen.
„So?“ Jareth musterte Sarah interessiert. „Ich bin gern bereit, deine künftigen Irrwege etwas unterhaltsamer zu gestalten.“ Er schaute nach oben, und die Uhr mit den dreizehn Ziffern erschien in der Luft, direkt vor seinen Augen. Mit einer anmutigen Geste veranlasste er die Zeiger, merklich schneller zu kreisen.
„Das ist nicht fair“, protestierte Sarah.
„Du sagst das viel zu oft, und ich frage mich, auf welcher Grundlage du eigentlich Vergleiche ziehst.“ Er nahm die Kristallkugel aus seinem Hut und warf sie in den Tunnel zurück. Sofort klang ein Geräusch in der Dunkelheit auf – ein polternder, surrender, dröhnender Lärm – zunächst noch in weiter Ferne, aber er rückte immer näher, wurde immer lauter.
 
Hoggel riss die Augen wieder auf. Sein Gesicht spiegelte wilde Panik wider, und Sarah wich instinktiv vor dem anschwellenden Krach zurück.
„Du findest das Labyrinth nicht besonders aufregend?“
Jareth lachte spöttisch. „Nun, dann wollen wir mal sehen, wie du mit diesem kleinen Problem fertig wirst.“ Und während sein Hohngelächter immer noch durch den Korridor hallte, verschwand er.
 
Sarah und Hoggel starrten in die Schatten. Als sie sahen, was auf sie zukam, klappten ihre Kinnladen nach unten, und sie begannen heftig zu zittern.
Ein Wall aus wirbelnden Messern in verschiedenen Grössen raste heran. Dutzend von scharfen Klingen glitzerten im schwachen Licht. Jede einzelne Spitze zeigte nach vorn und drehte sich blutrünstig. Der metallische Wall und drohte den Zwerg und das Mädchen blitzschnell in winzige Stücke zu zerhacken. Entsetzt sah Sarah, dass unter der Hackmaschine mehrere emsige kleine Besen hin und her wischten, um hinter ihr den Boden sauber zu fegen.
 
„Die Reinigungsschwadron!“ kreischte Hoggel und ergriff die Flucht.
„Was?“ Sarah war so erschrocken, dass sie wie gebannt stehen blieb.
„Lauf!“ Hoggels Ruf hallte aus der Ferne zu ihr und riss sie aus ihrer Erstarrung. Sie stürmte ihm nach.
Klirrend und polternd und gnadenlos rollte die Hackmaschine hinter ihnen her.
Das letzte auf der Welt, was sie nun brauchten, war eine Sackgasse. Aber hinter einer Ecke versperrte ihnen eine massive Tür den Weg.
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