kapitel6


Kapitel 6: Immer höher hinauf 

 

Sarahs Atem stockte. Die wirbelnden Klingen kamen unbarmherzig näher. Unglücklich hämmerte Hoggel gegen die Tür und murmelte irgend etwas vor sich hin.

Sarah hörte ihn nicht zu.

Sie sah sich nach einem Ausweg um. Oben oder unten… Sie lief den Wänden entlang, suchte nach einem Hebel oder Knopf. Es musste eine Möglichkeit geben, den Tunnel zu verlassen. Auf diese Weise funktionierte das Labyrinth – überall konnte man sich mit irgendwelchen Tricks weiterhelfen. Man musste sie nur ausfindig machen.

 

Der ratternde, surrende, zischende, wischende Lärm toste immer lauter. Sarah wandte sich zu Hoggel, umzu sehen, was er machte. Er klopfte immer noch an die Tür.

 

Nein, sie durfte sich nicht auf ihn verlassen, sonst war sie verloren. Was konnte sie nur tun? Was?

 

Ihr Blick fiel auf eine Metalltafel, die direkt neben der Tür in die Mauer eingelassen war. Sie stemmte sich dagegen und spürte, wie die Platte ein wenig nachgab. „Hoggel!“ Schrie sie, um den Lärm der Hackmaschine zu übertönen. „Sarah!“ antwortete er, pochte beharrlich mit seinen dicken kleinen Fäusten an die Tür und trat dagegen, als müsste sie angesichts seiner verzweifelten Bemühungen ein Einsehen haben und sich öffnen. „Verlass mich nicht, Sarah!“

 

„Komm her und hilf mir!“ brüllte sie.

Hoggel gehorchte. Mit vereinten Kräften warfen sie sich gegen den Stahl.

„Los!“ befahl Sarah. „Drück dich noch fester dagegen, du kleiner Betrüger!“ Hoggel tat sein Bestet. „Ich kann es dir erklären“, keuchte er.

„FESTER!“

Plötzlich bog sich die Platte nach innen, löste sich aus der Wand, und die beiden fielen durch das Loch, das sie hinterlassen hatte.

 

Hinter ihnen rollte das klirrende Teufelgerät vorbei, dicht neben ihren Füssen. Als es die verschlossene Tür erreichte, klang ein grässliches, knirschendes Geräusch auf. Die Klingen frassen sich durch das Holz, spuckten es in Form von Splittern wieder aus, und die kleinen Besen wischten eifrig den Boden sauber. Sie grunzten und schwitzen vor Anstrengung, während sie an diversen Hebeln zogen und auf zahlreiche Knöpfe drückten, um das Triebwerk gefahren waren, begann der Lärm in der Ferne zu hallen.

 

Sarah lag auf dem Rücken und kam allmählich wieder zu Atem. Hoggel schaute auf sie hinab. „Er zieht alle Register…“ Bewundernd schüttelte er den Kopf. „Die Reinigungsschwadron, der ewige Gestank – die ganze Maschinerie! Der König muss eine Menge von dir halten.“

 

„Er kommt wirklich auf komische Ideen“, erwiderte Sarah mit einem schwachen, gezwungenen Lächeln.

Hoggel wurde wieder aktiv. Die Äuglein unter den buschigen Brauen schossen nach links und nach rechts, dann tastete er im Dunkeln umher, bis er fand, was er suchte.
„Genau das brauchen wir. Komm, Sarah!“ Sie richtete sich auf und blinzelte, dann entdeckte sie am Boden des Tunnels, in den sie gefallen war, die untersten Sprossen einer Leiter, die nach oben führte, in schwarze Schatten.
 
„Komm schon!“ rief Hoggel. Die erste Sprosse war zu hoch für ihn, und er versuchte vergeblich, hinaufzuhüpfen. Sarah sprang auf und ging zu ihm.
Die Leiter sah ziemlich wackelig aus. Sie bestand aus sonderbaren Holzteilen, aus Brettern und Zweigen, die von kurzen Stricken und halb hineingeschlagenen Nägeln zusammengehalten wurden.
 
Komm schon, hilf mir!“ drängte Hoggel. Sie trat vor die Leiter und legte ihre Hand auf eine Sprosse. „Wie kann ich dir trauen – jetzt, wo ich weiss dass du mich zum Eingang des Labyrinths zurückführen wolltest?“ „Das wollte ich nicht“, protestierte Hoggel und starrte sie mit ärgerlichen Schweinsaugen an. Er war ein so schlechter Lügner, dass er ihr beinahe Leit tat. „Ich habe ihm nur eingeredet, dass ich dich zurückbringe, damit er uns in Ruhe lässt, verstehst du? Aber in Wirklichkeit…“
 
„Hoggel…“ Vorwurfsvoll schaute sie ihn an. „Wie kann ich jemals irgend etwas glauben, was du mir erzählst?“
„Nun ja…“ er zog eine seiner dichten Brauen hoch.
„Drücken wir`s mal so aus – bleibt dir was anderes übrig?“
Sarah dachte darüber nach. „Da ist was dran.“
„Jetzt müssen wir erst mal da hinaufklettern – das ist am allerwichtigsten“, verkündete der Zwerg und versuchte erneut, auf die erste Sprosse der wackeligen Leiter zu hopsen.
 
Sarah schubste ihn hoch und beobachtete, wie er hinauf stieg, dann folgte sie ihm Jeden Augenblick erwartete sie, dass die morschen Sprossen zusammenbrechen würden, aber wie Hoggel so treffend bemerkt hatte – was blieb ihr anderes übrig, als ihm zu glauben und ihm ihr Schicksal anzuvertrauen?
 
Ohne sich umzudrehen, rief er: „Und das Zweitwichtigste – du darfst nicht runterschauen!“
„Okay!“ rief sie zurück, aber dann konnte sie nicht widerstehen. Wie ein kleines Kind, das auf dem Spielplatz an einem Klettergerät herumturnt, wagte sie, einen kurzen Blick nach unten zu werfen „Ooooh!“ schrie sie verblüfft, denn sie waren viel höher hinaufgestiegen, als sie es in dieser kurzen Zeit für möglich gehalten hätte. Die Leiter schien sich in unergründlichen Tiefen zu verlieren. Sarah konnte weder das untere noch das obere Ende sehen. Sie fühlte ich unfähig, ihren Fuss auf die nächste Sprosse zu setzen. Mit beiden Händen klammerte sie sich an die seitlichen Stangen, zitterte am ganzen Körper, und die Leiter zitterte mit ihr.
 
Über ihrem Kopf krallte sich Hoggel verzweifelt an einem wackelnden Brett fest. „Ich habe dir doch gesagt, du sollst nicht runterschauen!“ stöhnte er. „Oder ist es da, wo du herkommst, anders? Wenn an dort gesagt kriegt, dass man was bleiben lassen soll – macht man`s dann erst recht?“
„Tut mir leid, ich wusste nicht…“
„Nun, wenn du ausgiebig gezittert hast, können wir vielleicht weiter hinaufsteigen.“

„Ich kann`s nicht ändern“, jammerte Sarah.

Hoggel flatterte hin und her wie ein altersschwacher Klettermax. „Dann müssen wir eben hier ausharren, bis einer von uns runterfällt oder bis wir uns in Wurmfutter verwandeln.“

 

„Es tut mir wirklich leid! In diesem Fall lasse ich mich natürlich gern abschütteln, um in den sicheren Tod  hinabzustürzen.“

 

Sarah holte tief Atem und schaute entschlossen nach oben. Dabei zwang sie sich, an lauter schöne, beruhigende Dinge zu denken – an ihr Zimmer, Merlin, die netten Abende mit ihrer Mutter, Multiplikationstabellen. Das half. Sie bekam ihren Körper wieder unter Kontrolle und begann weiter nach oben zu steigen.

 

Hogel spürte, wie sie sich näherte, und setzte seinen Weg ebenfalls fort. „Du musst Verständnis für meine Lage aufbringen!“ rief er ihr zu. „Ich bin ein Feigling und Jareth jagt mir Angst ein.“

„In was für einer Lage bist du denn?“

„In einer ziemlich miesen. Und du wärst auch nicht mehr so schrecklich tapfer, wenn du einmal den Morast des Ewigen Gestanks gerochen hättest. Das ist – das ist…“ Nun musste Hoggel auf einer Leitersprosse innehalten, um gegen ein heftiges Zittern anzukämpfen.

 

„Was ist es denn?“

„Ich werde schon ganz schwindlig, wenn ich nur daran denke.“

„Stinkt dieser Morast nur?“ fragte Sarah. „Ist das alles?“

„Glaub mir, das reicht. Oh, du meine Güte! Wart`s nur ab – wenn du überhaupt jemals so weit kommst…“

„Kann man sich nicht die Nase zuhalten?“

„Nein...“ Hoggel schauderte wieder, aber dann kletterte er weiter die Leiter hinauf. „Bei diesem Gestank nützt das gar nichts. Er kriecht einem in die Ohren und in den Mund, und man ist ihm rettungslos ausgeliefert.“

 

Endlich glaubte Sarah das obere Ende der Leiter zu sehen.  Schwaches Tageslicht schimmerte über ihrem Kopf.

„Aber was am allerschlimmsten ist“, fügte Hoggel hinzu.

„Wenn deine Haut auch nur einen winzigen Spritzer von diesem Schlamm abkriegt, kannst du den Gestank nie mehr abwaschen – nie!“

Er sass nun auf der obersten Sprosse, griff nach oben, zerrte an einem Riegel und öffnete eine hölzerne Luke.

Draussen leuchtete ein kalter blauer Himmel. Noch nie in ihrem Leben hatte Sarah etwas so Schönes gesehen.

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